Der folgende Text von Loren Goldner baut auf seinem Artikel „Fiktives Kapital” in Wildcat 67 auf.

Am 30. Oktober 2003 verkündete das US-Handelsministerium für das dritte Quartal des Jahres ein Wachstum der US-Wirtschaft von 7,2 Prozent. Es ist die Frage, welche Aussagekraft diese Statistiken tatsächlich haben, da sie andauernd überarbeitet werden (als die Zahlen nach dem dot.com-Crash im März 2000 nach unten korrigiert werden mussten, verschwand das „Produktivitätswunder” der zweiten Hälfte der 90er Jahre im Rückblick fast vollständig).

Darüberhinaus läßt die Meldung, daß im November lediglich 57 000 Jobs dazukamen, während eigentlich 125 000 bis 150 000 erwartet worden waren, ein bißchen die Luft aus der ganzen Medienpropaganda über eine Erholung der Wirtschaft. Wie dem auch sei, die Bush-Administration zieht in ihrer Strategie zur Wiederwahl im Jahr 2004 alle Register. Man muß nicht an „politische Konjunkturzyklen” glauben, um zu erkennen, daß die US-Regierung über ausreichende Mittel verfügt, um die Wirtschaft anzukurbeln, wenn es in ein Wahljahr geht. Am bekanntesten in der Geschichte dieser Kriegslist ist Nixons Reflation von 1971 und 1972 auf der Grundlage von Lohn- und Preisstopps sowie der „Reform” des Systems von Bretton Woods (die darauf hinauslief, auf ausländische Waren Einfuhrzölle von 32 Prozent zu erheben und die Staatsverschuldung durch deficit spending in für die damalige Zeit massivem Ausmaß hochzutreiben), die seine Wiederwahl 1972 sichern sollte. Danach stieg die Inflation rapide an, das System von Bretton Woods brach zusammen, und die USA und der Rest der Welt stürzten 1973 bis 1975 in den damals tiefsten Wirtschaftsabschwung seit den 1930ern. Natürlich ging es Nixon — wie Bush heute — um langfristige Trends, die weit über seine Wahlstrategie hinausreichten, aber Ziel des „politischen Konjunkturzyklus” ist es, daß die Bombe direkt nach der Wahl platzt, was maximalen politischen Spielraum verschafft , um nach der Konsolidierung der politischen Macht „was zu machen”.

Unbestreitbar gab es an den US- und den weltweiten Börsen zwischen 2000 und 2003 drei Jahre „Bärenmarkt”, in dem Billionen von auf Papier bestehenden Dollarwerten verschwanden, sowie eine „leichte Rezession”, die, um es noch einmal zu sagen, nur leicht erscheint, weil sie auf zweifelhaften Statistiken beruht, die andauernd zu politischen Zwecken manipuliert werden. Die offizielle Erwerbslosenquote der Jahre 2001 bis 2003 enthält nicht das eine Prozent der US-Bevölkerung im Gefängnis noch diejenigen, die völlig aus dem Arbeitsmarkt herausgefallen sind, oder Leute, die Teilzeit arbeiten (und sei es auch nur ein paar Stunden die Woche), aber lieber einen Ganztagsjob hätten. Wenn diese Teile der Bevölkerung eingerechnet werden, kommt man auf etwa elf Prozent tatsächliche Erwerbslosigkeit. Seit dem Jahr 2000 sind in der US-Wirtschaft netto 2,4 Millionen Jobs verschwunden, und bisher gibt es kaum einen Anstieg bei den Beschäftigtenzahlen. Genauso klar ist, daß Greenspan und die Federal Reserve Bank (Fed) ab Januar 2001 als Folge des Endes des high-tech Booms (als z.B. entdeckt wurde, daß 98 Prozent der Glasfaserkabel, die in den Jahren zuvor verlegt worden waren, nie benutzt würden) die Möglichkeit eines ausgewachsenen deflationären Crashs in Betracht zogen. Der Leitzins der Fed (der Zinssatz, zu dem die Fed den Banken Geld leiht) sank bis Juni 2003 wie im Gleichschritt von sechs Prozent auf einen. Dazu kommen Bushs Steuererleichterungen für die Reichen (etwa 200 Mrd. im Jahr) und das rapide Ansteigen des Haushaltsdefizits (geschätzt auf 375 Mrd. $ für 2003) im Vergleich zu dem ausgeglichenen Haushalt, der in den letzten Jahren der Regierung Clinton (mithilfe kreativer Buchhaltung) erreicht worden war (es ist schon irgendwie urkomisch zu sehen, wie die Demokraten jetzt die Republikaner angreifen wegen ihres riesigen deficit spending). Der Fall des Dollar nach 2002 (30 Prozent gegen den Euro, 10 Prozent zum Yen) macht Waren aus den USA in Übersee billiger. Das hat bisher allerdings nicht zur Einschränkung des jährlichen Zahlungsbilanzdefizits von 500 Mrd. $ geführt, wird aber demnächst zu einer Inflation in den USA führen, weil die Kosten für Importe steigen. Bis dahin müssen die USA zur Deckung dieses Defizits jeden Tag 1,5 Mrd. $ borgen, zur Zeit nehmen sie 40 Prozent der weltweiten Spargelder auf. Die niedrigste Schätzung der Auslandsverschuldung in Höhe von zwei Billionen US-Dollar (zehn Billionen $ im Besitz von Ausländern gegen acht Billionen $ US-Besitz im Ausland) bedeutet also, daß die Auslandsverschuldung bereits 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausmacht, ein für Dritte Welt-Länder typischer Wert! Bereits ein Prozent des US-BIP fließt in die Bedienung der Zinsen aus der Auslandsverschuldung. Die Welle der Euphorie, daß der Bärenmarkt von 2002/2003 vorbei sei, beruht auf ebendiesen (und weiteren) papiernen Indikatoren einer Expansion, die an keinem einzigen der Krisentrends der Jahre davor etwas verändert hat, sondern eher auf der oben erwähnten Ausweitung der Liquidität beruht. Entgegen allen Hypes der 1990er über die „New Economy” und die high tech-„Revolution” hat es den Anschein, als hänge die Gesundheit der US-Wirtschaft genau wie vor vierzig Jahren immer noch von der Bereitschaft und Fähigkeit der Amerikaner ab, Häuser und Autos auf Kredit zu kaufen. Im allgemeinen „sehen” die Konzernprofite des dritten Quartals 2003 in den USA „gut aus”, doch wie Kommentatoren der „österreichischen Schule” wie Richebacher gezeigt haben, beruhen sie durchgehend auf dem Erfolg von Entlassungen und Auslagerungen seitens der US-Konzerne, ganz zu schweigen von „kreativen” Buchhaltungsmethoden, deren Wirkungskraft sich (mal wieder) offenbarte, als im März 2000 die Börsen crashten, mit der Folge der Konzernskandale und des Zusammenbruchs der Buchhaltungsfirma Arthur Anderson. Desweiteren sind diese Profite Ausdruck eines intensiven speed up, einer verschärften Hetzerei derjenigen, die noch einen Job haben. Die zugrundeliegende Strategie der Lockerung der Kreditvergabe war erfolgreich darin, die Verschuldung von US-“Konsumenten” in absolute Rekordhöhen zu treiben. Das fing mit dem genialen Mechanismus der Umschuldung von Hypotheken an, der der Mittelklasse Hunderte von Mrd. Dollars in die Hände gab und auf der anhaltenden (aber jetzt ihren Wendepunkt erreichenden) US-weiten Immobilienblase beruht. Wie die high tech-Blase und die Dollarblase wird auch die Immobilienblase platzen und Millionen mit aufgeblähten Hypotheken zurücklassen, die abgezahlt werden müssen.

Greenspan und Bush hofften, steigender Konsum würde die Wirtschaft am Leben erhalten, bis die Konzerne wieder Geld für Investitionen in Maschinerie ausgäben, seit dem Zweiten Weltkrieg der klassische Ausweg aus der Rezession. Nur laufen die US-Firmen bei 75 Prozent ihrer Kapazität und arbeiten sich immer noch daran ab, aus der Verschuldung der Boomjahre herauszufinden, mithin gab es diese Ausgabensteigerung seitens des Kapitals nicht, geschweige denn irgendwelche wesentlichen Steigerungen der Beschäftigungszahlen.(1) Einer der besten Indikatoren dafür, daß die Kapitalisten kein Vertrauen in den gegenwärtigen Aufschwung haben, ist der rasante Preisanstieg einiger elementarer Waren (eine weitere Parallele zur Inflation 1971-73), allen voran Gold, das 2003 um 20 Prozent zulegte. Die internationalen Dimensionen der „Erholung” in den USA werden in den USA selbst immer noch eher am Rande wahrgenommen, aber ihnen müssen wir uns nun zuwenden. Noch vor fünfzehn Jahren schien das hauptsächliche Ungleichgewicht in der Weltwirtschaft zwischen den USA und Japan zu bestehen: Japanische Waren eroberten den Binnenmarkt der USA, und in der Bank of Japan häuften sich die US-Dollars. Heute liegt das Augenmerk zunehmend auf dem Ungleichgewicht zwischen den USA und China, da letzteres die internationale Arbeitsteilung neu gestaltet. Jahrelang war der grundlegende „Wohlstandsmotor” der Export aus Asien in die USA im Tausch für Dollarreserven. Nach Schätzungen halten alleine China, Japan, Taiwan und Südkorea über eine Billion US$, und der Großteil dieser Gelder wird in die US-Kapitalmärkte zurückgeschleust (etwa in die US-Staatsverschuldung), um eine noch größere Ausweitung des Kredits und damit des Konsums in den USA selbst zu ermöglichen. Wie Europa in den 1950ern und 1960ern erlauben die Industriemächte Asiens den USA, seine Defizite mit seinen eigenen Schuldscheinen zu finanzieren. Ähnliche Trends, wenngleich nicht im selben Ausmaß, können wir heute immer noch mit Haltern von Dollars aus Europa und den OPEC-Ländern sehen.

Diese Zentralität des Dollars für die Weltwirtschaft ist das Haupträtsel, das wir lösen müssen, um zu verstehen, welche Möglichkeiten der Akkumulation künftig noch bleiben. In der „Krise” ist der Dollar seit ca. 1958, als das System von BrettonWoods auseinanderzufallen begann, und er hat sowohl den Zusammenbruch dieses Systems (1971-73) überlebt als auch drei Jahrzehnte eines regelrechten „Dollarstandards” (im Gegensatz zur vorher bestehenden „Goldparität des Dollar” zwischen 1944 und 1971). In dieser Zeit wurde die US-Industrie verschlankt, ausgelagert und ausgehöhlt. Mit dem Aufstieg Chinas verlagern sich sogar maquiladora-Fabriken von der mexikanischen Grenze nach Shenzhen. Fündundvierzig Jahre lang haben Ausländer die US-Defizite subventioniert, als Preis für den Zugang zum riesigen amerikanischen Binnenmarkt. Zu den Gegentendenzen zu einem abrupten Fall des Dollar gehören heute ausländische Direktinvestitionen in den USA (teilweise zur Umgehung eines möglichen protektionistischen Gegenschlags, für den einige Branchen der US-Industrie sowie einige Sektoren der organisierten Arbeiterschaft eintreten) und der Rückfluß von Profiten aus den immer noch beträchtlichen US-Werten im Ausland. Doch der zunehmend fiktive Charakter der US-Wirtschaft als ganzer, die von Ausländern nur gestützt wird, weil sie „zu groß ist, um sie fallenzulassen”, läßt sich nicht mehr bemänteln, auch wenn man das Ausmaß des wirtschaftlichen Niedergangs der USA noch so relativiert. Der Indikator, der das am besten anzeigt, ist „Tobin’s Q”, mit dem bürgerliche Theoretiker das Verhältnis des gegenwärtigen Werts des Gesamtkapitals zu den Kosten, zu denen es heute ersetzt werden müßte, zu fassen versuchen. Laut einer Studie bewegt sich dieses Verhältnis im ganzen 20. Jahrhundert bis 1995 um eins, mit offensichtlichen Abweichungen unter eins (die Jahre der Depression und Deflation in den 1930ern) und über eins (die inflationären Boomjahre der 1960er und 1970er). Von 1995 bis 2002 stieg „Tobin’s Q” für US-Kapitalwerte auf den unglaublichen Wert von 2,11. Die Ausweitung des Kredits, die dies ermöglichte, wurde zum Großteil von Ausländern finanziert.

Dieser Anstieg fällt zeitlich zusammen mit dem ähnlichen Anstieg des Dollar nach den Jahren des niedrigen Dollarstands von 1985 bis 1995. Ausländische Investitionen in Dollarwerte bildeten einen „Tugendkreis”, in dem beträchtliche Profite (z.B. durch die Aktienmanie) durch einen stetigen Anstieg des Dollar selbst ergänzt wurden. Anfang 2000 wurde aus dem Tugendkreis ein Teufelskreis, bei dem sich zusammenbrechende Aktienkurse und der Fall des Dollar gegenseitig beeinflußten, sodaß ausländische Investoren an beiden Enden Verluste erlitten. Im Jahr 2002 rutschten die ausländischen Direktinvestitionen dann ins Minus, und der Vorsitzende der Europäischen Zentralbank Wim Duisenberg fragte sich öffentlich, ob der „unvermeidliche” Fall des Dollar als allmählicher Rückzug stattfinden würde oder in Form einer weltweiten Panik.

Aber mit Ökonomie alleine kommen wir nicht weiter. Es ist entscheidend, sich bei der Kritik der politischen Ökonomie die „Politik” anzusehen, wenn wir verstehen wollen, inwieweit die USA damit Erfolg haben kann, den Rest der Welt für ihren Niedergang und ihre Krise zahlen zu lassen. Ob sie dabei erfolgreich sind, wird mit entscheidend dafür sein, wie lange die gegenwärtige Erholung auf dem Arbeitsmarkt in den USA anhält.

Das grundlegende Problem für den US-Kapitalismus besteht darin, die Masse an fiktivem Kapital (ziemlich eins zu eins verkörpert durch jene zwei Billionen Auslandsverschuldung) weltweit zirkulieren zu lassen, die sich über 45 Jahre subventionierte Vorherrschaft des Dollar aufgebaut haben. Damit würde, durch Extraktion einer entsprechenden Menge Mehrwert, die Verwertung jenes Kapitals ermöglicht. (Wir sprechen hier nicht einmal von den unbekannten Billionen US$, die in den weltweiten Derivatmärkten und hedge funds gebunden sind.) Hier liegt der Schlüssel zur Außenpolitik der USA, die darauf abzielt, alle verbliebenen Hindernisse für eine solche Extraktion niederzureißen. Das wird ermöglicht durch die neoliberale Politik des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank, die vier Milliarden Menschen in achtzig Dritte Welt-Ländern ausbluten. Es wird ermöglicht durch die Öffnung des ehemaligen Sowjetblocks und seiner riesigen natürlichen Ressourcen für eine bisher nicht gekannte Plünderung, die allein im Fall Rußland zu einem negativen Bevölkerungswachstum und einem dramatischen Rückgang der Lebenserwartung geführt hat. In der modernen Geschichte der Industrieländer hat es das in Friedenszeiten bisher nicht gegeben. Ermöglicht wird es ferner durch die Öffnung Chinas, dessen Wirtschaft nach 20 Jahren mit einem jährlichen Wachstum von acht bis zehn Prozent jetzt in Gefahr ist, sich durch die Aufnahme einer solchen Menge überflüssiger Dollars zu „überhitzen”. Und es wird ermöglicht durch NAFTA, die Freihandelszone mit Kanada und Mexiko, die jetzt auf ganz Lateinamerika ausgeweitet werden soll. Heute klopft die Politik der USA an den Toren der verbleibenden Handelsblöcke an, nämlich den Industriemächten in Europa und Asien, die für diese neoliberale Plünderung von Werten mittels des „shareholder value”, die in den USA selbst zum meltdown (dt. Kernschmelze; etwa: Finanz-GAU) der Periode nach 2000 geführt hat, hinderlich sind. Durch die Asienkrise von 1997/1998 erlangten die USA einen wichtigen Vorteil, indem sie Südkorea und andere Länder zur Öffnung für „Reformen” zwangen. (Aktuelle Studien schätzen, daß 3,3 Millionen Arbeitsplätze bis 2015 aus den USA „nach Indien abwandern” werden, wodurch dieses Land zusammen mit China zu einer weiteren Quelle von Plünderungen wird.) In Eurasien haben die USA sich starke Stützpunkte geschaffen, ihre Truppen sind stationiert von Georgien bis Usbekistan (und Polen und Rumänien haben der Einrichtung von US-Stützpunkten zugestimmt). Ihre Politik zielt darauf ab, Europa, Rußland, Indien, China und Japan nicht in ein Gleichgewicht kommen zu lassen und sie dadurch für die Bedürfnisse der „einzigen übriggebliebenen Supermacht” der Welt gefügig zu halten.

Ohne die oder bis zu einer Entwicklung der politischen und militärischen Stärke der Europäischen Union entsprechend ihrer Wirtschaftsmacht bildet Asien, und letztlich China, das größte Hindernis für diese Strategie der USA, den Rest der Welt ihren Niedergang subventionieren zu lassen. Seit der Krise 1997/1998 machen die asiatischen Mächte tastende Schritte zum Aufbau eines Handelsblocks ähnlich der EU und der NAFTA, der schließlich eine Zollunion einschließen würde, eine asiatische Währung und so etwas wie einen vom IWF unabhängigen asiatischen Währungsfonds. (Genau das haben die Japaner vorgeschlagen und wurden dafür von den USA abgewatscht.) Jedes kann sehen, daß es bei einer solchen Strategie letztlich darum geht, nicht mehr vom Zugang zum US-Binnenmarkt und von einer weiteren Anhäufung von Dollars im Austausch gegen Waren abhängig zu sein. Entsprechend zogen die USA (wie schon der damalige Finanzminister Robert Rubin während des asiatischen meltdown) diese Versuche ins Lächerliche, genauso wie es ihnen wiederholt gelang (durch England, die NATO und jüngst durch die Kriege in Afghanistan und im Irak), der Vereinigung Europas Steine in den Weg zu legen.

Bis jetzt hat diese kurze Analyse kein Wort über das andere potentielle Hindernis für die Bewältigung der kapitalistischen Krise durch die USA gesagt: die amerikanische Arbeiterklasse. Teilweise deswegen, weil das US-Kapital seit 1973 so erfolgreich darin war, den Lebensstandard für 80 Prozent der amerikanischen Bevölkerung runterzufahren, und dabei auf wenig offenen Widerstand stieß. Unter anderem spiegelt sich dieser Erfolg im Rückgang der Streikaktivitäten auf beinahe Null. Aber es ist durchaus möglich, daß dieser Angriff auf die Arbeiterklasse jetzt an seine Grenzen stößt. Die riesigen Verluste, die die Sozialversicherungsfonds gewöhnlicher Arbeiter beim Börsenkrach erlitten, das sich beschleunigende Verschwinden der Altersrente für Millionen, die Explosion der Kosten privater Gesundheitsversorgung, die endlosen Konzernskandale der letzten Jahre (Enron, World.com, Tyco usw.) und die wachsende Abscheu vor Managerabfindungen durch ausgeplünderte Konzerne (oder die 139 Millionen-Abfindung für Richard Grasso, den ehemaligen Chef der New Yorker Börse) haben die rechtspopulistische Basis für die neoliberale Austeritätspolitik der vergangenen dreißig Jahre ausgezehrt. Die Streiks in Supermärkten und im Öffentlichen Personennahverkehr in Los Angeles, die im Oktober begannen, erfuhren breite Sympathie und Unterstützung. Das hatte es seit Jahren nicht gegeben. Wenn man den Mindestlohn in den USA (6,50 $ pro Stunde) auf seine Kaufkraft von vor dreißig Jahren zurückführen wollte, müßte man ihn auf 18 $ die Stunde erhöhen. Selbst eine bescheidene Offensive der Arbeiterklasse mit dem Zweck, verlorenen Boden zurückzuerobern, der in den vergangenen drei Jahrzehnten verloren wurde, könnte für das Dollarimperium das Ende bedeuten.