Nur wenige Begriffe aus dem Dritten Band von Marx’ Kapital beschreiben die heutige Welt so treffend wie der vom „fiktiven Kapital“. Jeden Tag bewegen sich eineinhalb Billionen Dollar durch die Devisenmärkte [foreign exchange], und nur ein kleiner Teil davon ist direkt an Investitionen und Handel geknüpft. Ein immer größerer Teil des Labyrinths der neuen Finanzformen (Hedgefonds, Derivate) kann nur mittels fortgeschrittener Mathematik verstanden werden. Der Anteil von Gesamtzins und Grundrente (der berühmte FIRE-Sektor: finance, insurance and real estate – Finanzen, Versicherung und Immobilien) beansprucht Jahr für Jahr einen immer höheren Anteil am Gesamtprofit und läßt die Profite aus der Produktion weit hinter sich [overshadowing].

Beim aktuellen Revival der marxschen Kritik der Politischen Ökonomie könnte viel Verwirrung vermieden werden, wenn die Marxisten der Tatsache mehr Aufmerksamkeit schenkten, daß die Bände I und II des Kapital ein „geschlossenes System“ darstellen, in dem es nur Kapitalisten und Proletarier gibt, und daß „das Kapital“ für die Kapitalisten in der Form von auf Papier festgehaltenen Ansprüchen auf Reichtum erscheint (Aktien, Anleihen, Grundbesitztitel), die erst im Dritten Band des Kapital eingeführt werden. Noch mehr Verwirrung entsteht aus dem Problem, das „geschlossene System“ in ein richtiges Verhältnis zu nichtkapitalistischen Schichten (etwa den Kleinproduzenten der Dritten Welt) und dem „kostenlosen Input“ aus der Natur zu setzen. Schließlich lesen die meisten schnell über die Tatsache hinweg, daß Marx das Hauptproblem der Akkumulation (die erweiterten Reproduktionsschemata) nie gelöst hat, eine Problematik, die vor allem Rosa Luxemburg aufgegriffen hat und diejenigen, die ihr bei ihrem Versuch folgten, dafür eine Lösung zu finden (wie fehlerhaft dieser auch sein mag), und besonders, als sie darauf bestand, daß die „ursprüngliche Akkumulation“ ein permanenter Bestandteil des Kapitalismus sei.

Mit diesem kurzen Aufsatz will ich versuchen, fiktives Kapital genauer zu definieren.

Kapital geht nicht nur durch den Verwertungsprozeß hindurch, der in den (unvollständigen) Bänden des Kapital beschrieben wird, es ist nicht nur abhängig von dem Mehrwert, der im „unmittelbaren Produktionsprozeß“ produziert wird, es stützt auch die auf dem Papier bestehenden Ansprüche auf Reichtum in der Form von Profit, Zinsen und Grundrente durch unbezahlten Input aus der ursprünglichen Akkumulation – sprich: Plünderung – sowohl innerhalb als auch außerhalb des „geschlossenen Systems“.

Das Kapital plündert die Kleinproduzenten der Dritten Welt aus, indem es sie ins Proletariat integriert, in der „Peripherie“ und im „Zentrum“, und zwar als Arbeitskraft, deren vorherige Reproduktion vom Kapital nicht bezahlt wird. Das Kapital plündert die Natur aus, indem es Ressourcen nicht ersetzt und indem es die Umwelt nicht ersetzt, die durch die Produktion verbraucht wird, ohne daß das Kapital für die Kosten aufkommen muß.

Das Kapital plündert manchmal die Lohnarbeiterschaft innerhalb des „geschlossenen Systems“ aus, indem es den Gesamtlohn unter die Reproduktionskosten der Arbeitskraft drückt. Manchmal plündert das Kapital seine eigene Maschinerie und Infrastruktur aus, indem es sie weit über den Punkt hinaus am Laufen hält, an dem sie normalerweise abgeschrieben wären, oder mittels anderer Machenschaften (siehe Enron, World.com, Tyco).
All diese Formen der Plünderung steigern den Gesamtmehrwert, der zur Verfügung steht, um auf Papier bestehende Ansprüche der Kapitalisten auf Reichtum zu stützen, die über den Mehrwert hinausgehen, der im geschlossenen System durch den Austausch von Äquivalenten produziert wird (die Grundannahme in Band I und II des Kapital). Diese Ansprüche auf Profit, Zinsen und Grundrente können ihren Verwertungsprozeß (G-W-G’) solange fortführen, wie innerhalb und außerhalb des geschlossenen Systems genügend Mehrwert produziert wird, um sie zu stützen. Das Kapital in seiner Gesamtheit kann eine Weile lang expandieren, während die gesellschaftliche Reproduktion schrumpft, genauso wie ein lebender Organismus am Leben bleiben kann, während er vom Krebs aufgefressen wird. Wenn der weltweit verfügbare Gesamtmehrwert die Gesamtheit der Anspüche von Profit, Zinsen und Grundrente an ihn nicht mehr erfüllen kann, gibt es direkt einen deflationären Zusammenbruch wie denjenigen, den wir heute (Sommer 2003) vielleicht gerade erleben.

Fiktives Kapital ist die Kluft zwischen dem Gesamtpreis und dem Gesamtwert auf einer weltweiten Ebene. Untersuchen wir diesen Gedanken im Lichte des bisher Gesagten etwas näher. (Die bourgeoise Ökonomie—eine andere gibt es nicht—kennt einen ähnlichen Gedanken bei „Tobins Q“, dem Verhältnis der Gesamtbewertung aller Werte zu den Kosten, wenn sie auf heutigem Niveau ersetzt werden müßten.)

Wir können die kapitalistische Akkumulation nur in Gesamtheiten verstehen, wie etwa in der Gesamtheit eines Konjunkturzyklus. Preis und Wert stimmen nur auf der Talsohle eines deflationären Crashs wie 1929 (oder vielleicht dem, den wir gerade erleben) weitgehend überein, wenn alles oder das meiste fiktive Kapital vernichtet ist.

Der „Gesamtwert“ ist dann gleich den Kosten—in heutiger gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit—der Reproduktion der bestehenden Arbeitskraft und Produktionsmittel auf weltweiter Ebene innerhalb des „geschlossenen Systems“, das nur aus Kapitalisten und Arbeitern besteht. Der Gesamtwert ist das, was heute beim Druck auf die Preise nach unten wirksam ist in einer möglichen Deflationskrise. Alles was über diesen Wert hinausgeht ist fiktiv.

Einige der heutigen Marxisten geben zu, daß das fiktive Kapital eine wichtige Rolle spielt, aber sie verneinen, daß das irgendetwas mit überbewertetem fixen Kapital im „geschlossenen System“ der Bände I und II zu tun hat. Angesichts vieler rivalisierender Theorien über fiktives Kapital in der bürgerlichen Theorie (z.B. Hyman Minsky, Doug Noland, „Tobin’s Q“, Doug Henwood) halte ich es für unbedingt notwendig, das [Konzept des] fiktive Kapital an die allgemeine „Selbstentwertung“ des Kapitals im „geschlossenen System“ zu knüpfen und es nicht einfach als ein von außen kommendes Produkt des Kreditsystems zu sehen.

Unter „allem anderen“ liegt der grundlegende Widerspruch des Kapitals in seiner Notwendigkeit, sich mit lebender Arbeit zu mischen, um sich als Kapital auszuweiten, bei der gleichzeitigen Tendenz, die lebende Arbeitskraft aus dem Produktionsprozeß auszuschließen. Das Kapital braucht die Kosten der Reproduktion der Arbeitskraft als den allgemeinen Standard für den Tausch, und gleichzeitig schafft es diesen Standard periodisch wieder ab aufgrund genau jenes technologischen Fortschritts, der durch die Notwendigkeit der Innovation durch Einzelkapitale vorangetrieben wird. An einem bestimmten Punkt wird das Kapital selbst zum Hindernis seiner eigenen Ausweitung. Mit der Zeit werden die Kosten der Reproduktion des variablen Kapitals v im Verhältnis zum konstanten Kapital C zu klein, um als allgemeiner Standard zu dienen, als „numeraire“ (gemeinsamer Nenner), und der Wert wird zum Hindernis für die weitere gesellschaftliche Reproduktion.

Das fiktive Kapital kommt ins Spiel, wenn wir dieses (durchaus reale) geschlossene System von Kapitalisten und Arbeitern verlassen, um die Interaktion zwischen dem geschlossenen System und seiner Verwertung des Gesamtkapitals in den kapitalistischen Ansprüchen auf Reichtum zu untersuchen.
Denn trotz der Logik des Verhältnisses von C zu v im reinen System ist das real existierende Kapital in der Form von auf Papieren festgehaltenen Ansprüchen auf Reichtum nicht nur ein gesellschaftliches Produktionsverhältnis wie die W-G-W’-Bewegung des Kapitals im reinen Modell. Es sind papierne Ansprüche auf zukünftigen Reichtum, woher auch immer der kommen soll.

Desweiteren können diese papiernen Ansprüche aus der realen Welt, anders als das im reinen Modell der Bände I und II beschriebene Kapital, nur in einem Kapitalmarkt existieren, der von einem Staat und seiner Zentralbank reguliert wird (die wiederum erst in Band III eingeführt werden), d.h. unterstützt wird von der bewaffneten Macht des Staates sowie dessen Fähigkeit, Steuern zu erheben. Aktien, Wertpapiere und Titel auf Einkommen aus Grundbesitz gingen der vollen Vorherrschaft des eigentlichen Kapitalismus weit voraus. Im protokapitalistischen Übergang in Europa zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert, der ersten Phase der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals aus dem Feudalismus heraus, waren solche papiernen Ansprüche im wesentlichen vom Staat unterstützte Lizenzen zum Plündern, wie bei den Freibriefen, die Merkantil-Staaten an Eintreiber der Steuern von der französischen Bauernschaft ausgaben sowie an afrikanische Sklavenhändler, an die spanischen Plünderer der Neuen Welt oder an die englischen sea dogs, die Piraten, die die spanischen Plünderer ausplünderten. Zeitgenössische Marxisten vergessen manchmal, daß Aktien, Wertpapiere, Ratenverträge, Hypotheken, Versicherungen, Staatsverschuldung und sogar Zentralbanken der Vorherrschaft der Wertbeziehungen im unmittelbaren Produktionsprozeß historisch vorausgingen. Was den Kapitalismus vom merkantilen Proto-Kapitalismus unterscheidet, ist eben die herausragende Stellung des unmittelbaren Produktionsprozesses bei der Herstellung des Reichtums (als Mehrwert) zur Verwertung der papiernen Ansprüche. Doch aufgrund der weiter vor sich gehenden ursprünglichen Akkumulation im Weltkapitalismus haben diese papiernen Ansprüche ihren ursprünglichen Charakter als vom Staat gedeckte Lizenzen zum Plündern von Reichtum, ob von innerhalb oder außerhalb des reinen Systems, weitgehend bewahrt.

Diese Plünderungen sehen wir heute in der Form von Billionen an Schulden, die die Volkswirtschaften der Dritten Welt zerschlagen. Wir sehen sie in der massiven Umweltzerstörung. Wir sehen sie in der weltweiten Klimaerwärmung durch Emissionen aufgrund der Verwendung fossiler Treibstoffe, Emissionen aufgrund von Technologien und Treibstoffen, die eine gesunde Gesellschaft schon vor langer Zeit verschrottet und überwunden hätte. Wir sehen sie in der Flut von Einwanderern aus den in den Bankrott getriebenen Regionen der Welt, die durch Jahrzehnte des Schuldendienstes ruiniert wurden. Wir sehen sie in der Verbreitung von Zwangsarbeitsprogrammen Modell USA und von Arbeitsarmut.

In all diesen Fällen von Nicht-Reproduktion ist fiktives Kapital an der Arbeit.

Sehen wir uns nun die Geschichte dieser von der bewaffneten Staatsmacht gedeckten Lizenzen zum Plündern an und wie sie ihre gegenwärtige Form entwickelten.

Beim „Dreißigjährigen Krieg“ von 1914 bis 1945 handelte es sich im wesentlichen um die Verschiebung des Zentrums der Weltfinanz von England in die USA. Das wurde in den Verträgen von 1944 bis 1947 erreicht, mit denen die Grundlagen des IWF und der Weltbank geschaffen wurden und auf die der Marshall-Plan folgte.

Nach den Abwertungen, die England, Frankreich und Deutschland nach 1945 aufgezwungen wurden, erlangten die USA durch das System von Bretton Woods (1944-1973) eine nie dagewesene Fähigkeit, mittels eines überbewerteten Dollar den Reichtum der Welt anzuzapfen.

Alle in die USA kommenden Waren aus Europa und Japan (von der unterentwickelten Welt ganz zu schweigen) enthielten ein Element der oben beschriebenen „Plünderung“. Alle amerikanischen Einkäufe an Produktionsanlagen, Grundeigentum usw., vor allem in Europa, enthielten eine ähnliche Dimension der Plünderung. Dieser Reichtum wechselte in die Bilanzen des US-Kapitalismus, sowohl des privaten als auch des öffentlichen, und zwar ziemlich unabhängig von den Profiten, die im unmittelbaren Produktionsprozeß in den USA selbst produziert wurden und wie man sie mittels der Mechanismen erzielt, die im ersten Teil des III. Bandes des Kapital beschrieben werden.

Zwar waren die USA nach 1945 offensichtlich die am weitesten fortgeschrittene kapitalistische Ökonomie, doch in Wirklichkeit übten sie kontinuierlich eine Sogwirkung auf Kapital aus, die für unsere Geschichte von ziemlicher Bedeutung ist. 1948/49, 1953/54 und vor allem 1957/58 waren sie von Rezessionen betroffen. Der Zusammenhang zwischen überbewertetem fixem Kapital und dem internationalen Kreditsystem als Ganzen scheint auf in der Auflösung dieses Systems von Bretton Woods.

Seit 1950 weisen die USA eine negative Zahlungsbilanz auf (während die Handelsbilanz noch bis 1971, dem Jahr, in dem das System von Bretton Woods zusammenbrach, im Plus blieb). Zuerst waren diese Dollars, die sich im Ausland anhäuften, nützlich für den Aufbau in Europa und Asien. Aber nach der Rezession von 1957/58 wurde langsam eine Schwemme daraus, und die Krise des überbewerteten Dollar wurde leichter sichtbar. (Als 1958 das „Dollarproblem“ zum Thema wurde, belief sich der Betrag an vom Ausland gehaltenen „Nomaden“-Dollars auf 30 Milliarden. Heute sind es insgesamt 10 Billionen.) So hat dieser Prozeß angefangen, der heute hoffentlich seinen Endpunkt erreicht und in dem ausländische Besitzer dieser „Nomaden“-Dollars sie in US-Kapitalmärkte reinvestierten, was es den USA ermöglichte, weitere Defizite gegenüber dem Ausland aufzuhäufen und mit überbewerteten Dollars ausländische Werte zu kaufen. Im Kern kauften sie ausländische Werte mit ihren eigenen Schulden.

Diese Finanzierung der US-Ökonomie mithilfe ihrer eigenen Zahlungsbilanzdefizite überschnitt sich mit dem fiktiven Element des fixen Kapitals in den USA auf folgende Weise. Als der Rest der Welt beim Wiederaufbau nach dem Krieg mit modernster Technologie immer mehr Sektoren der relativ stagnierenden US-Industrie zuerst ein- und dann auch überholte, stand das fixe Kapital dort, gemessen an seiner Reproduktion zu aktuellen Kosten, schon zur Entwertung bereit. Aber ganz anders, als es Marxisten gerne hätten, die das reine Modell des Kapitals mit ausschließlich Kapitalisten und Arbeitern bewohnen, wehren sich die Kapitalisten heftigst gegen die unmittelbare Entwertung ihrer Kapitalwerte, wo und wann immer ihnen das möglich ist. (Wir müssen uns nur mal Japan in den letzten zehn Jahren betrachten, wo die Zentralbank mittels des Bankensystems riesige Grundbesitz- und Industriewerte auf einem aufgeblähten Papierwert hält.)

Noch einmal: die tiefe Rezession von 1957/58 in den USA markierte den Anfang der Krise von Bretton Woods und damit des US-dominierten „Dollar-Imperialismus“. Sie markierte auch den Beginn der De-Industrialisierung der USA, profitorientierte Investitionen in die US-Industrie nahmen dramatisch ab und verlagerten sich nach Übersee. Ein leuchtendes Beispiel dafür, wie überbewertetes fixes Kapital verschuldeter Konzerne nicht unmittelbar abgeschrieben wird, sondern durch das Kreditsystem in den allgemeinen Kreislauf gelangt. Dort zirkuliert es solange als heiße Luftblase potentieller Zahlungsunfähigkeit (da es in einer Verkaufspanikkrise nicht in Bargeld umtauschbar ist), wie die Kombination von Mehrwert und Beute aus den Plünderungen (wie oben definiert) den auf Papier festgehaltenen Anspruch erfüllen kann, den es darstellt.

1971 entkoppelten die USA den Dollar vom Gold und 1973 wurde das System fester Wechselkurse endgültig verschrottet. Die Welt versank im schwersten konjunkturellen Abschwung (1973-75) seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Welt ging, um es mit Michael Hudsons prägnanter Formulierung zu sagen, von einem „Papiergold“-Standard über zum Standard von „Papierpapier“, und seither war sie de facto auf einem Dollarstandard. US-Dollars haben sich weiterhin im Ausland angehäuft, heute schätzt man eine Nettoverschuldung von 2 Billionen US$ (acht Billionen an US-Anlagen im Ausland gegen zehn Billionen im Besitz von Ausländern). Wie vorher schon England sind die USA zu einer riesigen Rentierökonomie geworden, und damit muß jeder Versuch, die Profite von US-Konzernen in einem reinen Modell mit ausschließlich Kapitalisten und Arbeitern zu isolieren, als irregeleitete empirizistische Übung scheitern.

Im Kern ist unsere Geschichte damit vorgestellt, auch wenn die USA es 30 Jahre lang geschafft haben, den Tag der Abrechnung hinauszuschieben. Aus dem 1973-75er Abschwung haben sich die USA durch Inflation gerettet. Als Thatcher 1979 in England an die Macht kam und Reagan 1980 in den USA, war das genauestens darauf abgezielt, die Zentralbank dafür zu benutzen, um eine allgemeine Deflation zu verhindern, indem die Reproduktion sowohl der Arbeitskraft als auch der Maschinerie zugunsten der Profitraten unterbunden wurde. 1984 war der Wendepunkt der Entwicklung der USA vom weltweit größten Kreditgeber zum weltweit größten Schuldner, und diese Entwicklung trieben sie rücksichtslos voran. Von den Krisen 1982 in Mexiko und Brasilien zur mexikanischen „Tequilakrise“ von 1994 ging es beim Krisenmanagement um die wachsende Zahlungsfähigkeitsblase, die ohne Rücksicht auf die Konsequenzen für die materielle Reproduktion im Weltmaßstab durch die G-W-G’-Bewegung zirkuliert. 1997/98 kam die Asienkrise. 1998 der Bankrott Rußlands und die Notmaßnahmen für den Long Term Capital Management-Risikofonds (bei dem es alles in allem um eine Billion US$ potentiell fauler Werte ging). Im Jahr 2000 kam das Ende der „high tech“-Blase und der Anfang von (bis jetzt) drei Jahren rückläufiger Aktienmärkte und möglicher weltweiter Deflation. 2001 kam der Bankrott Argentiniens. Während ich dies schreibe, unternimmt die Federal Reserve Bank massive Versuche, das Kreditsystem der USA wieder aufzublähen, und spricht offen über die Möglichkeit eines deflationären meltdowns [dt. u.a. Kernschmelze; sozusagen ein „FinanzGAU“, ein größter anzunehmender Unfall in der Finanzsphäre. AdÜ.).

Wir haben diese Geschichte noch nicht bis zu ihrem Ende gehört, dem Abschluß dieser (hoffentlich letzten) Phase kapitalistischer Entwicklung.