»Ein Tier produziert nur sich selbst, während der Mensch die ganze Natur reproduziert.«
(K. Marx, 1844 Manuskripte)

»Wir kennen nur eine einzige Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte.«
(K. Marx/F. Engels, Die Deutsche Ideologie)

Marx und Engels verwendeten viel Mühe auf die Frage nach der »Wissenschaft« und darauf, ihre Theorien »wissenschaftlich« zu begründen. Das schloss einen naturwissenschaftlichen Ansatz mit ein, obwohl fast alle Schriften zum Thema von Engels stammen. Die Fehlgeburt der sowjetischen Wissenschaftsphilosophie und der Unsinn, der im Namen »proletarischer Wissenschaft« in vielen »marxistischen« Systemen produziert wurde, hat diese Dimension des Marx’schen Projekts in der heutigen entwickelten kapitalistischen Welt fast bis zur Unsichtbarkeit reduziert. Der Zeitgeist sorgt dafür, dass sogar Leute wie ich, die die gegenwärtigen Entwicklungen der Weltwirtschaft als vollkommene Bestätigung von Marx‘ Theorie der kapitalistischen Krise ansehen, vorsichtig damit sind, das als Sieg des »wissenschaftlichen Sozialismus« herauszuposaunen.

Auch als Revolutionäre waren Marx und Engels trotzdem Kinder ihrer Zeit, und das war eine des fast grenzenlosen Glaubens an die Errungenschaften und den Nutzen der Naturwissenschaft im herkömmlichen Sinn. Im Gegensatz zu Marx und Engels wissen wir, was die Namen Auschwitz, Hiroshima, Bophal und Tschernobyl bedeuten; wir sind allzu gut vertraut mit einer Welt, in der die geradlinige Anwendung von Mikro-Rationalität sehr gut mit Makro-Barbarei zusammenpasst.

Somit ist es für uns heute leichter zu erkennen, dass Marx und Engels die Naturwissenschaft der bürgerlichen Gesellschaft recht unbesehen glaubten. Es stimmt, dass Engels in der Dialektik der Natur , Hegel durch kindische Anwendungen von »Qualität« und »Quantität« auf natürliche Prozesse »auf die Füße zu stellen«. Ganz ähnlich positionierte sich Lenin mit Materialismus und Empiriokritizismusin einer innerparteilichen Auseinandersetzung auf der Seite eines dezidiert präkantianischen Materialismus. Der Marxismus, den die Zweite, Dritte und Vierte Interpopularisiert haben, ist der Marxismus einer hegelianisierten oder ontologisierten Materie, in der die klassische bürgerliche Wissenschaft, allen voran die Physik, als Modell für jede Wissenhaft genommen wird, einschließlich einer Wissenschaft der Gesellschaft. Marx und Engels wussten es zwar besser, nicht aber ihre Popularisierer, und die Urväter selbst hatten einige ihrer revolutionärsten Konzepte im embryonalen Stadium von 1840 belassen und das meiste davon »der nagenden der Mäuse« überlassen.

Wie eine Schlucht liegt zwischen uns und solch einem Materialismuskonzept die ungeheuer erweiterte Sicht auf Marx, die sich in den letzten bis Jahren, besonders aber seit dem Zweiten Weltkrieg entwickelt hat, einen Marx, der vor 1945 nur einer Handvoll Gelehrter bekannt war und der in der Bewegung der Massenarbeiter, die sich auf seinen Namen berief, mit Sicherheit unbekannt war. Es ist der Marx, der die Grundrisse, die Feuerbachthesen, die Ökonomisch-philosophischen Manuskriptevon 1844 verfasste; der Marx, der sich stark auf Hegels Logikstützte, als er die Methode des Kapitalausarbeitete; der Marx, von dem Lenin 1914 bei der Lektüre von Hegels Logiksagte, dass »noch kein Marxist« (einschließlich seiner selbst) ihn angemessen verstanden hätte.

Unser Verständnis von Marx wurde ebenfalls dadurch bereichert, dass Persönlichkeiten wie Kolakowski und Ernst Bloch aufgezeigt haben, wie die »vom Idealismus entwickelte tätige Seite«, von der Marx in den Feuerbachthesen spricht, direkt auf den Neoplatonismus der späten Antike bzw. auf die mittelalterlichen oder frühmodernen Neoplatoniker wie Eckhardt, Nikolaus von Kues, Giordano Bruno, Jakob Böhme, usw. zurückgeht, allesamt Vorgänger Hegels und Persönlichkeiten, auf die sich die »hartgesottenen Materialisten« der klassischen Arbeiterbewegung sehr selten – wenn überhaupt! – beriefen. Aber beide historische Entwicklungen und ernsthafte Untersuchung machen diese Verbindungen heute für jeden mit einem Minimum an Belesenheit und Rechtschaffenheit zu einer offensichtlichen Tatsache.

Als ein Ausdruck der sich vertiefenden »ökologischen Krise« (d.h. der Krise der Selbstreproduktion des Planeten) hat die Wissenschaftsgeschichte und -philosophie in den letzten drei Jahrzehnten selbst Sichtweisen auf die Ursprünge der modernen bürgerlichen Wissenschaft eröffnet, die den Theoretikern der klassischen Arbeiterbewegung fantastisch vorgekommen wären. Heute wissen wir, dass Newton, das Musterbeispiel bürgerlicher Wissenschaft, sich lebenslang für Astrologie und Alchemie interessiert und aller Wahrscheinlichkeit nach auch Böhme gelesen hat (der während der radikalen Phase der Englischen Revolution in den 1640er Jahren sehr beliebt gewesen war). Historiker wie die Jacobs haben akribisch genau gezeigt, dass die Ideologie des »Newtonianismus«, aus der Astrologie, Alchemie und Böhme komplett verschwunden waren, das Produkt eines breiten sozialen Kampfs gegen die »Enthusiasten« an Englands radikalem Rand war. So wissen wir heute, dass sogar die »Königin der Wissenschaften« sich auf zutiefst politische und ideologische Weise durchgesetzt hat. Jemand hat mal geschrieben: »Man kann vielleicht die Englische Revolution verstehen, ohne Newton zu verstehen. Aber man kann ganz bestimmt nicht Newton ohne die Englische Revolution verstehen.«

Trotz alledem wird heute selten erkannt, dass Marx zwischen 1843 und 1847 implizit eine völlig andere Sicht auf Wissenschaft formulierte, als das, was der Kapitalismus oder später der offizielle Marxismus entwickelten. Leider hatte Marx wenig Möglichkeiten, darauf in Fragen der Naturwissenschaften zurückzukommen. Die historische Erfahrung erlaubt uns heute, bzw. zwingt uns dazu, zu diesen unentwickelten Thesen von Marx zurückzukehren und zu überprüfen, wohin sie uns beim Entwickeln einer bewussten, selbstreflexiven, sinnlichen Konzeption globaler Praxis führen (also genau dem, was Marx mit dem Wort »Wissenschaft« eigentlich meinte).

Was nun folgt ist ein kleiner Beitrag zur Ausarbeitung dieser völlig anderen Art der Wissenschaft, die aus diesem »Keim der neuen Weltanschauung« erwächst, wie Engels die Feuerbachthesen nannte. Ich stelle sie in Form von Thesen/eines Dialogs vor, was in Reaktion auf nachfolgende Kritik und Stellungnahme auszuarbeiten wäre.

1. Was zerstörte die klassische revolutionäre Arbeiterbewegung der Zeit von 1848-1930?
Die Antwort muss lauten: der Staat, der sozialdemokratische (keynesianische) und stalinistische.

2. Was waren die »wertspezifischen« Grundpfeiler dieser institutionellen Veränderung (d.h. des Schachto-keynesianischen Staats 1933-1945)?
Antwort: der Übergang vom absoluten zum relativen Mehrwert als Hauptquelle der kapitalistischen Akkumulation.

3. Der »Marxismus« von Engels bis Lenin war, von Deutschland in den 1860ern bis Kambodscha 1975, hauptsächlich die IDEOLOGIE des Ersatzes der bürgerlichen [durch die proletarische, Anm. d. Ü.] Revolution, die notwendig sei für den Übergang aus den präkapitalistischen Gesellschaftsverhältnissen (im wesentlichen die Zerschlagung feudaler Verhältnisse auf dem Land) zur auf absolutem Mehrwert beruhenden Akkumulation, durch die Verlängerung des Arbeitstages für die hauptsächlich vom Land rekrutierten Arbeitskräfte. Der »Vulgärmarxismus« (d.h. die Wiederaufnahme des präkantianischen Materialismus) entstand notwendigerweise als Ausdruck dessen, demdieses wahren Inhalts der »sozialistischen« Bewegung von 1870-1945.

4.  Im Allgemeinen wurde die Phase der Akkummulation, in der relativer Mehrwert aus der Intensivierung des Produktionsprozesses und der Rückführung der Arbeitskraft auf ihre allgemeine abstrakte Form stammt, in Europa und den USA in der Zeit von 1870-1945 erreicht. In dieser Zeit formt der Kapitalismus eine ihm angemessene Technologie, im Gegensatz zu seiner früheren Verwandlung bereits existierender Technologien. Das Kapital ist deshalb in dieser Phase ein MATERIALISIERTES soziales Verhältnis und eine materialisierte Ideologie. Welche Ideologie?

5. Antwort: Die Ideologie Englands in der Mitte des 17. Jahrhunderts und des englischen Empirismus, die von Bacon, Newton, Hobbes, Locke und Smith gleichzeitig und in einheitlicher Weise in der Physik, der Philosophie und der Politischen Ökonomie entwickelt wurde (wozu sie alle auf mehreren Gebieten etwas beitrugen – Locke sowohl in der Philosophie wie in der Politischen Ökonomie, Newton als Leiter der Britischen Münzanstalt, etc.). Woher kam diese Ideologie?

6. Antwort: Letztlich kam sie aus dem Konzept eines Kontinuums »schlechter Unendlichkeit«, entwickelt von den griechischen Philosophen Parmenides und Zenon im 6. dJhJhd. v. Chr. , und seither der Grundstein der WissenschaftsIDEOLOGIE im Westen. Parmenides erhob Sein über Raum und Zeit und entwickelte eine Ontologie der unendlichen Aufteilbarkeit von Raum und Zeit in der sichtbaren, »gefallenen« Welt. Demokrits Atomismus gibt der Parmenideischen Teilbarkeit der Realität Recht, wandelt jedoch das [metaphysische; Anm. d. Ü.] Sein in »Leere« um und erkennt einzig die Existenz willkürlich zusammengeworfener Atome an. Demokrits »atomistischer Materialismus« schließt damit den kreativen Akt, die Schaffung der Welt in der Kosmologie, wie in Platos Timaeus, aus der »Wissenschaft« aus. Die religiöse oder philosophische Kosmologie der Schöpfung [orig. creation] ist der ideologische Ausdruck für die »sinnlich umformende Praxis« der Menschheit, d.h. die anti-entropische Rolle des Menschen in der Biosphäre. Die Geschichte des Menschen ist die Geschichte von der Schaffung neuer biosphärischer Umwelten.

Die Parmenidische Idee vom (undeterminierten) Sein, das über Raum und Zeit steht, ist auch das philosophische Gegenstück zur Kommodifizierung der sozialen Beziehungen im 6. dJhJhd. v. Chr. in Griechenland. Der Wert, so wie das Sein, nimmt den individuellen Objekten alle zufälligen, sekundären Qualitäten und setzt sie in Beziehung zu einem allgemeinen Standard reiner Abstraktion: Nicht-Zufälligkeit, oder Arbeitszeit. Somit sind die Abstraktion in der Philosophie und der Wert in der politischen Ökonomie (wie Sohn-Rethel in Bezug auf das alte Griechenland argumentierte) zwei Seiten des selben allgemeinen Prozesses, beide fundieren auf der Autonomisierung der Welt von denen, die sie geschaffen haben. Was war das Ergebnis?

7. Antwort: iIm England des 17. Jhds., einer viel weiter entwickelten kommodifizierten Gesellschaft, wurde Parmenides‘-Zenons »Ontologie« der (schlechten) unendlichen Aufteilbarkeit von Raum und Zeit von einem ontologischen Vorurteil zu einer »materiellen Kraft« in den Asymptoten von Newtons Ableitung für die Darstellung von Bewegung. Die Erfolge des Galileisch-Newton‘schen Atomismus in der Darstellung der (örtlichen) Bewegung von Körpern, in sich selbst völlig in Ordnung, wurde »aus Versehen« zu einer Ontologie verallgemeinert, einer Ontologie, die auf den offenkundigen Erfolgen der Methode auf der niedrigsten Bedeutungsstufe fußte. Der gleichzeitige Triumph einer atomistischen Physik, Philosophie und Politischen Ökonomie wiederholt auf einer höheren Ebene die Invasion aller Bereiche des gesellschaftlichen Lebens mit den Warenkategorien von Wert, und somit von Arbeit, die 2200 Jahre zuvor in Griechenland entstanden waren. Das Ergebnis für die Wissenschaft war der »Tod der Natur«, Dekosmisierung, gegenüber früheren neoplatonischen (»astrobiologischen«) Ansichten in der Renaissance, wo die menschliche Vorstellung (wie bei Paracelsus) als natura naturans, als schaffende Natur, begriffen wurde. Die natürliche Welt von Galileo, Newton und Descartes sank auf einen dargestellten Ausläufer zurück, von dem menschliche Mitwirkung (der kreative Akt umformender Erneuerung) ausgeschlossen war. Viele Strömungen in der heutigen ökologischen Ideologie, besonders die Gaia Theorie, fußen auf dieser Verminderung oder diesem Ausschluss des menschlichen Beitrags zur Erneuerung der Natur durch biosphärische Erneuerung.

8. Diese Ontologie, die von Physikern im 17. Jhd. erfolgreich als »materielle Kraft« erfasst wurde, dann aber von begrenzten, korrekten Anwendungen in Statik und Dynamik fälschlich zu einer Gesamtanschauung verallgemeinert wurde, erreichte 1850 mit Clausius‘ Formulierung des 2. Hauptsatzes der Thermodynamik ihre Vollendung. Carnot hatte 1824 beim Studium von Dampfmaschinen das (erste) Gesetz der Erhaltung formuliert; Clausius verallgemeinerte diesen Ansatz zu einer Theorie der Entropie in geschlossenen Systemen. Das sind Systeme ohne »von außen kommenden« oder negentropischen Energiezufluss, der die Entropie eines geschlossenen Systems durch Aufbrauchen der Energie eines größeren Systems umkehrt. In der Folge wurde die entropische Bewegung eines geschlossenen Systems ohne Einwirkung zum ultimativen »geschlossenen System«, dem gesamten Universum, verallgemeinert. Angefangen mit Parmenides’-Zenons »Kontinuum«, über Newtons Ableitung, bis hin zur Thermodynamik, die Energie als eine »Bewegungsform« definiert und in Arbeitseinheiten misst, wird somit die Ontologie der »schlechten Unendlichkeit«, die den »kreativen Akt« (Negentropie) ausschließt, zu einer massiven materiellen Kraft gemacht, die letztlich zur Auslöschung des Universums durch Hitzetod führt. In so einem de-kosmisierten Universum, in dem Zeit und Raum als gleichartig und der Zusammenhalt von Materie als zufällig und willkürlich begriffen wird, muss das Auftreten von Leben selbst wie ein Zufall erscheinen. Der Ausschluss der kreativen, negentropischen, gesetzmäßigen Einwirkung lebendiger Materie zur Umkehrung der Entropie, der zunächst ontologisch/ philosophisch aufgestellt wurde, wird 1666 und schließlich 1850 eine »verwirklichte« Naturpraxis. Was waren die Konsequenzen?

9. Es ist kein Zufall, dass der zweite Hauptsatz der Thermodynamik, wonach alle geschlossenen Systeme zu einem bewegungslosen Gleichgewichtszustand tendieren, im gleichen Jahrzehnt formuliert wurdewird (durch von Thompson / Lord Kelvin und andere in den 1840ern), in dem der Marxismus entsteht und das Ende der Vorherrschaft des absoluten Mehrwerts in der Akkumulation beginnt. Marx formuliert im Großen und Ganzen das, was wir vorhin (mit Engels) »Keim der neuen Weltanschauung« nannten, der, obschon naturwissenschaftlich kaum ausgearbeitet, den »Ausschluss des schöpferischen Akts« aus der Biosphäre und letztlich aus dem Kosmos, grundsätzlich ablehnt. Im Begriff des Gattungswesens fasst der Marxismus die »Erneuerung der Biosphäre« als die immer wieder demonstrierte TATSÄCHLICHE Unendlichkeit der menschlichen Evolution, und letztlich der Evolution überhaupt. Der Mensch trägt als erste Spezies eine unendliche Elastizität bei der evolutionären Abänderung der Biosphäre, und somit seiner selbst, in sich und produziert wiederholt »neue Natur«, indem er neue Technologien erfindet, die vormalig ruhende und unverwertbare Energiequellen erschließen. Der ontologisch bestimmte »Niedergang« des Universums, wie ihn die Physiker der schlechten Unendlichkeit postulieren (Parmenides-Zenon / Newton / Clausius) »materialisiert« die unendliche WIEDERHOLUNG, die ontologisch vorausgesetzt wird durch den schlechte-Unendlichkeit-Ausschluss des schöpferischen Akts (der zuallererst Verbesserungen in der Interaktion Mensch-Natur bedeutet), und materialisiert die Projektion des »atomistischen Egos« der bürgerlichen Gesellschaft in die Natur, so wie Marx den schöpferischen Akt WIEDER EINSETZT in eine Konzeption der biosphärischen Praxis, indem er das Ende der Reduzierbarkeit der materiellen Welt auf den Standard der Arbeit (Wert) postuliert.

10. Diese mehr implizit als explizit ausgesprochenen Seiten von Marx blieben aufgrund der in These 3 beschriebenen Ideologisierung seines Werkes bis heute unterentwickelt. Die vulgärmarxistische Wiederaufnahme des Vor-Kantianischen Materialismus des 18. Jahrhunderts als Ideologie des Ersatzes der bürgerlichen Revolution hatte keinen Gebrauch für eine »Schöpfungskosmologie«. Besonders, da die reale bürgerliche Naturwissenschaft als Grundlage und Modell der Ideologie des Materialismus offensichtliche Erfolge vorweisen konnte. So übernahm der »Marxismus« weitgehend unkritisch die bürgerliche Naturwissenschaft. In Deutschland und vor allem Russland führte dieser Weg des »Marxismus« von einer Theorie des Gemeinwesens [Deutsch im Original] (vor und nach der Warengesellschaft) zu einer Verherrlichung der Produktivkräfte. Es wurde von »marxistischer« Seite nie verstanden, dass die Gleichzeitigkeit des Auftauchens der Wertkategorien und der fundamentalen Modifizierung der Physik der »schlechten Unendlichkeit« im 6. Jhd. v. Chr., im 17. Jhd. n. Chr. und in der relativitäts- und quantentheoretischen Revolution der Jahre 1890-1930 notwendigerweise beinhaltete, dass eine Unterdrückung des »Werts« (als Kategorie der menschlichen Arbeit) eine Unterdrückung und letztlich Abschaffung der Wissenschaft der »schlechten Unendlichkeit« bedeuten würde. Aber diesem »Marxismus« ging es ja auch nicht um die Abschaffung der Wertkategorien, sondern um den Übergang zur Akkumulation relativen Mehrwerts.

11. Diese Probleme spitzten sich erst mit der weltweiten ökonomischen und ökologischen Krise in den Jahren 1968-73 zu, dem ENDE der seit 1850 dauernden Phase der Akkumulation relativen Mehrwerts. Georgescu-Roegen z.B. verband als einer der Ideologen der gegenwärtigen »Knappheit« das Auftauchen neoklassischer Ökonomie (d.h. eines bürgerlichen Denkens in der Phase des relativen Mehrwerts, das die Ökonomie auf den KONSUMENTEN aufbaut) mit dem Gesetz der Entropie, um damit sowohl das eine wie das andere zu bestätigen.

12. ‘68-73 war Ausdruck einer Revolte der Produktivkräfte gegen die Produktionsverhältnisse, d.h. erstere waren zu produktiv, als dass sie noch in Wertmaßstäben gemessen werden konnten. Die damals beginnende Krise reagierte auf die Notwendigkeit der Zerstörung von Produktivität durch den Prozess der De-Industrialisierung. Zum ersten Mal traten ernsthaft industrialisierte Länder außerhalb der »klassischen« kapitalistischen Welt von 1914 (Europa, Nordamerika, Japan) auf, die sog. asiatischen »Tiger«. Das unterminierte endgültig die pseudo-marxistische Ideologie der nachholenden Entwicklung. Diese Wirklichkeit, die mit der vor-68er Phase kontrastierte, in der Industrialisierung auf die klassischen kapitalistischen Kernländer und die stalinistischen Entwicklungsdiktaturen begrenzt schien, machte die Wiederentdeckung der »Gemeinwesen«-Dimension im Marxismus möglich, die Marx in der Korrespondenz mit den russischen Sozialrevolutionären entwickelt hatte, die aber in der Ideologisierung des Marx’schen Denkens in den 1880/90ern unterdrückt worden war. Somit zerbröckelte die Vorstellung vom »Ersatz« der bürgerlichen Revolution als einer gesellschaftlichen Kraft, die die andauernde pseudo-marxistische Sicht der Wissenschaften stützte, zusammen mit der leninistisch-stalinistischen Entwicklungsideologie. Das ermöglicht die Rückkehr der in der Marxschen Tradition liegenden wirklichen Unendlichkeit, der »natura naturans«-Schöpfungskosmologie, die im Begriff Gattungswesen schon immer vorhanden gewesen war.
Für Hegel und für Marx war die Idee der »Selbst-Reflexität« zentral: Hegels sich selbst entwickelnder Weltgeist, Marxens Definition des Kapitals als sich selbst verwertender Wert. Solch eine Selbstreflexivität musste in das Zentrum einer Wissenschaft der globalen sinnlichen Praxis rücken. Wie dargestellt beruhte das zweite thermodynamische Gesetz auf der Annahme des Universums als ultimativem geschlossenen System. Aber auf Grund der atomistischen Grundannahmen der ganzen Theorie konnte ein solches System nicht »auf sich selbst einwirken«. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass der Atomismus bei Russell gegen die formalen Paradoxien der Ära 1890-1930 anrannte, die Paradoxien der sozialen und politischen Neugestaltung der Welt für den Schachto-Kenysesianischen Staat und der Intensivierung des Produktionsprozesses. Und dass mit Gödel das formalistische Projekt für immer versenkt wurde. Im Grunde basiert die atomistische Wissenschaft auf der »Ich« = »Ich«-Annahme« der Identität (wie von Fichte formuliert). Wir gelangen hier zur Frage der Symmetrie von Zeit und Raum. Was bedeutet »Identität«? Sie bedeutet die wechselseitige Umkehrbarkeit eines Systems. Raum und Zeit wurden vom Atomismus als gleichförmig gesetzt und somit umkehrbar in beide Richtungen, vorwärts und rückwärts. Wenn die Wirklichkeit als Darstellung, als Spiegelbild verstanden wird, dann ist ein schöpferisches Eingreifen ausgeschlossen. Das ist das Spektakel, das in eine materielle Kraft in der Naturwissenschaft, in der Philosophie und, mit der Hauptströmung der Ökologiebewegung, in der Gesellschaft verwandelt wird. Sobald einer »den Spiegel zerschlägt« wird die lineare Unumkehrbarkeit der Zeit auch zerschmettert und kann durch die wichtigste, »nicht-umkehrbare« Bewegung ersetzt werden: Die Drehung einer Spirale [orig. helix]. Nicht zufällig ist für Marx die Helix die zentrale Metapher für Zeit (der »Kreislauf« des Kapitalzyklus). Dann erst kann Leben als integraler Bestandteil des Kosmos erscheinen, was die eigentliche Voraussetzung für die Existenz eines Kosmos ist. In diesem Sinne kann eine radikale Kritik an Einstein sich nicht auf eine Modifizierung der allgemeinen Relativität durch eine Demonstration der seiner Theorie innewohnenden atomistischen Grundannahmen beschränken, auch wenn dies in sich eine stichhaltige Kritik wäre. Der grundlegende Mangel bei Einstein ist der Ausschluss der Erscheinung des Lebens und der Entwicklung des Lebens als ein zwar gesetzvolles, aber nicht vorbestimmtes und negentropisches Ereignis in der Geschichte des Universums.

Der ebenfalls atomistische Quantenphysiker Heinz Pagels sagte: »Es ist vorstellbar, dass das Leben in der Lage sein wird, die Gesetze der Physik zu ändern, die heute seine Endlichkeit und die des Universums zu beinhalten scheinen. Wenn das so ist, hat dann das Leben nicht eine weit bedeutendere Rolle in der Kosmologie, als gegenwärtig angenommen wird? Das ist ein Problem, über das nachzudenken sich lohnt. Womöglich ist es das einzige Problem, über das es sich überhaupt nachzudenken lohnt.«