Der historische Moment, der uns hervorgebracht hat
Globale Revolution oder kapitalistische Neuzusammensetzung?
1789 1848 1871 1905 1917 1968 20??

I. Zerstreuung und Neuzusammensetzung der Arbeiterklasse in der kapitalistischen Ära

In den Jahren 1917-1921 fand der erste weltweite Angriff auf den Kapitalismus durch die revolutionäre Arbeiterklasse in Deutschland und Russland statt. Dieser Angriff wurde gebrochen, und die Gegenoffensive der folgenden Jahre, in Form des vorübergehenden Faschismus, des beständigeren sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaats, des Stalinismus und der Entwicklung der Dritten Welt, begrub – beinahe – erfolgreich die Erinnerung an seinen wahren Inhalt und Charakter.

Die Jahre 1968-1977 markierten in einer Situation der viel weiter entwickelten kapitalistischen Hegemonie die Rückkehr der Revolution und die zumindest teilweise Wiederaneignung des kommunistischen Projekts, zurückgelassen und verkümmert aufgrund der vorhergehenden Niederlage. Die Insurgent Notes wollen diese Wiederaneignung vertiefen und sich an der theoretischen und praktischen Neuzusammensetzung für den nächsten – und hoffentlich letzten – globalen Angriff beteiligen.

Die 2008 ausgebrochene Weltwirtschaftskrise ist lediglich die letzte Schleife der »langsamen Bruchlandung«, die ungefähr in den 1970er Jahren begann und mal schneller, mal langsamer vonstatten geht. Wenn man von ihrer jüngsten Phase aus zurückblickt und angesichts der Antwort der Arbeiterklasse, die heute mit großen Anlaufschwierigkeiten Gestalt annimmt, springt einem die erstaunliche Banalität weiter Teile des sozialen, politischen und kulturellen Lebens seit den späten 1970er Jahren ins Gesicht. Damit wollen wir nicht sagen, dass »nichts passiert ist«: Man muss sich nur den Abbau des sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaats in Erinnerung rufen, den Zusammenbruch der Sowjetunion und die Wiedervereinigung Deutschlands, den Aufstieg von Ostasien als dynamischster Wirtschaftszone der Welt oder das Aufstreben des radikalen Islam. Aber denjenigen von uns, die die Massenkämpfe der 1960er und frühen 1970er Jahre miterlebt haben, müssen die dreieinhalb Jahrzehnte des langen Abstiegs des kapitalistischen Weltsystems bis zur Kernschmelze im Oktober 2008 als eine der längsten und eigenartigsten historischen Perioden seit der kommunistischen Bewegung in den 1840er Jahren erscheinen. Wer zu jung ist, um die Jahre der immer wiederkehrenden Massenbewegungen auf den Straßen im Herzen des fortgeschrittenen Kapitalismus erlebt zu haben, muss einen viel größeren Sprung in der Vorstellungskraft machen, um die Unwirklichkeit einer Ära zu erfassen, die von der herrschenden Ideologie nacheinander als »Konsens von Washington«, »Neoliberalismus«, »Globalisierung«, »Postmoderne« oder »Ende der Geschichte« bezeichnet wurde. Zwischen der Pariser Kommune (1871) und der russischen Revolution von 1905 mögen wir uns an einen relativen Rückgang von Kämpfen vergleichbarer Länge erinnern. Aber sogar damals gab es eine Ausweitung der Bewegung der organisierten Arbeiterklasse vor allem in Europa, sowohl in den Gewerkschaften als auch in den Massenparteien der ArbeiterInnen, die sogar ausreichte, um 1900 die ideologische Verwirrung des »Revisionismus« hervorzubringen.

Das war damals, noch in der Zeit des Aufstiegs des globalen Kapitalismus – und heute ist heute.

Im Gegensatz dazu war die Phase ab Mitte der 1970er Jahre eine der beinahe ununterbrochenen Niederlagen: brutale Diktaturen im Süden von Lateinamerika (Chile, Argentinien, Uruguay, Brasilien); Niederschlagung und Kooptation der polnischen Arbeiter-Explosion von 1980-81; Unterdrückung der radikalen Strömungen der Arbeiterbewegung in Südafrika während des gelenkten Übergangs von der Apartheid zur Austerität; Niederlage der Arbeiterräte in der iranischen Revolution; im kapitalistischen Zentrum fortgesetzte Niederlagen der Kämpfe in einzelnen Industrien nach alter Manier, vom Abbau der französischen Stahlindustrie (1979) über fiat in Italien (1980) bis zum britischen Bergarbeiterstreik (1984-85).

Die USA erlebten eine lange Serie von Niederlagen traditioneller Gewerkschaftskämpfe: von PATCO (1981) zu Greyhound (1983), von Phelps-Dodge Copper (1984) und P-9 (1986) zum Papierarbeiterstreik in Jay, Maine von 1987-88. Gegen Ende dieser Phase hatte Wal-Mart General Motors als größten Arbeitgeber in den USA abgelöst.

Auch wenn ArbeiterInnen jenseits der traditionellen Formen kämpften, verloren sie:

  • • – brasilianische ArbeiterInnen führten in den späten 1970er Jahren einige beeindruckende Streiks durch, wurden dann aber durch Lula und seine Arbeiterpartei als WählerInnen befriedet und im Gegenzug abgebaut; Stahl- und Autosektor waren die größten Arbeitgeber in den späten 70er Jahren, McDonalds und die Sicherheitsbranche hatten sie zehn Jahre später abgelöst.
  • •- Die chronisch arbeitslose algerische Jugend machte 1988 Aufstände, wurde aber in die islamistische Bewegung kooptiert und im folgenden Bürgerkrieg aufgerieben.
  • •- Öl-Arbeiter und andere etablierten während der iranischen Revolution (1978-81) Arbeiterräte, ihre Repression war eine der obersten Prioritäten der islamischen Republik, die den Sturz des Schahs für die eigene Machtergreifung umdrehte.
  • •-Die südkoreanische Arbeiterklasse explodierte im Jahr 1987 und machte BIS in den frühen 90er Jahren Fortschritte, danach wurde sie mittels Salami-Taktik und durch den Tsunami der IWF-Krise von 1997-98 geschlagen.
  • •- Die südafrikanischen Massen erzwangen das Ende der Apartheid, nur um vom ANC dem Neo-Liberalismus überlassen zu werden.
  • – Die argentinische Piquetero-Bewegung von 2001-2002 zwang die Regierung in die Knie, tat aber nicht mehr als das und wurde mittels einer Wiederauflage des Peronismus zerstreut und kooptiert.

Diesem Bild muss man die Abfolge lokaler Kriege zufügen, die mit dem Libanon (1975-1990) und den mehr als 40 Kriegen der frühen 1990er Jahren anfängt und (bisher) im afrikanischen, fast kontinentweiten Krieg von 1994-1998 (4 Millionen Tote), im US-Debakel im Irak und den potentiellen neuen Debakeln in Afghanistan und vielleicht in Pakistan gipfelt. Die Ausbreitung eines mörderischem Nationalismus in Ex-Jugoslawien und an den Rändern der ehemaligen Sowjetunion ließen den proletarischen Internationalismus, der das Ende des Ersten Weltkrieges erzwang, als weit entfernt erscheinen.

II. Die globale Lohn-Arbeitskraft als das einzige praktische Universelle

Während wir hoffentlich aus dieser düsteren Periode des Roll-back entkommen, erinnern wir uns an Rosa Luxemburgs Bemerkung kurz vor ihrer Ermordung im Jahr 1919: »Die Revolution sagt: Ich war, ich bin, ich werde sein!« Wir versichern uns der anhaltenden Realität des Kommunismus, der »wirklichen Bewegung, die sich vor unseren Augen entwickelt«, wie Marx im Manifest sagte. Wie Hegels »Ritter der Geschichte« finden wir unsere Identitäten nicht in irgendeiner Unmittelbarkeit, sondern in dem neu entstehenden universellen Projekt, das die Vorreiterrolle in der nächsten globalen Offensive spielen wird.

Was ist dieses »universelle Projekt«? Um eine erste Annäherung zu versuchen, es steht für das globale Programm, das als »Klasse für sich«, die bereit ist, die Welt zu übernehmen und sie in einer gänzlich neuen Art und Weise zu organisieren, vereinigen kann, was als Lohnarbeitskraft im Moment zerteilt ist: ins klassische (etwas reduzierte, aber noch immer zentrale) Industrie-Proletariat, ins zerstreute und prekarisierte Sub-Proletariat und die Teile der technischen, wissenschaftlichen, intellektuellen und kulturellen Schicht, die empfänglich dafür sind, sich mit diesen Kräften zusammen zu tun. Das sind die Kräfte, die in »verkehrter« Form ausmachen, was Marx den »Gesamtarbeiter« nannte. Rund um die Welt verstreut, vor allem durch die letzten vier Jahrzehnte der schuldengetriebenen sozialen Rückentwicklung, mag dieser »Gesamtarbeiter« wie ein Hirngespinst erscheinen, aber nichtsdestotrotz verrichtet er jeden Tag in den zersplitterten Erscheinungsformen der Kapitalakkumulation – den von der Identitätspolitik theoretisierten und glorifizierten Bruchstücken – die Gebrauchswert schaffende Arbeit der Welt. Untergeordnet, wie es diese Kräfte im Moment unter die fortschreitende irrsinnige Akkumulation des KAPITALS sind, die zu Barbarei und planetarischer Verwüstung tendiert, mag die programmatische Wiedervereinigung, die wir befürworten, »utopisch« erscheinen, aber es ist tatsächlich das Überleben dieses überholten sozialen Systems in irgendeiner entfernt menschlichen Form, was die wirkliche Utopie unserer Zeit darstellt.

Der programmatischen und praktischen Vereinigung dieser Mächte haben sich die Insurgent Notes verschrieben.

III. Zerstreuung und Neuzusammensetzung der Arbeiterklasse als aufsteigende Spirale

Die zugegeben dichte Sprache im Vorangegangenen mag für Manche unzugänglich sein, deshalb werden wir jetzt etwas ausführlicher.

Die letzte konzertierte proletarische Offensive von 1968-1977 könnte man als weltweite Revolte gegen das Fließband charakterisieren. Obwohl diese Bewegung, wie schon angedeutet, daran scheiterte, ein »alternatives gesellschaftliches Projekt« zu artikulieren und umzusetzen, schienen die Ziele für einige ziemlich klar. Im Rückbezug auf die Arbeiterräte und andere Formen der Massenversammlung früherer großer Revolutionen (Russland 1917, Deutschland 1918, Spanien 1936, Ungarn 1956) oder auf weniger allumfassende Massenstreiks (wie die in Portugal 1974-75 oder die wilden Streiks in Europa und die parallele, weitgehend von Schwarzen angeführte Bewegung in den USA von den 1950er Jahren bis 1973), waren die Ziele der Bewegung, die existierenden Industrieanlagen zu übernehmen und unter »Arbeiterkontrolle« zu betreiben. Angesichts des bereits verdrehten kapitalistischen »Wachstums« nach 1945 – wir müssen nur an die negativen sozialen Auswirkungen des Automobils denken – war diese Perspektive schon beschädigt, hatte aber zumindest den Vorzug, greifbar für viele ArbeiterInnen zu sein und auf die fortgeschrittensten Kämpfe dieser Zeit zu fokussieren: die verallgemeinerten wilden Streiks in Europa und Nordamerika.

»Alle Macht den internationalen Arbeiterräten« war scheinbar das beste »universelle Projekt« dieser Epoche, und es gab flüchtige Momente, in denen seine Verwirklichung nicht so weit entfernt schien.

Die kapitalistische Gegenoffensive brachte einen direkten Angriff auf die »sichtbare« Dimension dieser Bewegung in Richtung einer »allgemeinen Selbstverwaltung« mit sich: Die Auflösung der Großfabrik in Heimindustrie und isolierte Anlagen draußen auf der grünen Wiese, die Enturbanisierung der ArbeiterInnen in Wohngebiete am Rand und außerhalb der Stadt, die Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse, die Ausgliederung in die Dritte Welt und die Intensivierung der »Hightech«-Produktion. Die auf diesem Weg erreichte »Ent-Sozialisierung« der ArbeiterInnen, die an der Rebellion von 1968-1977 beteiligt gewesen waren, war tief und gründlich. Wie aus dem Lehrbuch wurde demonstriert, dass Technologie – in diesem Fall vor allem Telekommunikation und verbesserter Transport – nicht von ihrem kapitalistischen Gebrauch zu trennen ist; seit der Massenproduktion des Automobils hat keine andere Innovation mit solch einer anfänglichen Wucht die universelle Klasse, die das Proletariat IST, isoliert und zerstreut. Dass diese Telekommunikations- und Transportmittel morgen einen Beitrag zur praktischen Vereinigung leisten könnte, für die wir eintreten, ist eine andere Sache und bleibt noch festzustellen.

Unser zurückhaltender Optimismus wird allein durch eine langfristige Perspektive gestärkt. So eigenartig die vergangenen Jahrzehnte gewesen sein mögen, Zyklen der Niederlage und Erneuerung der Bewegung zur Abschaffung der bürgerlichen kapitalistischen Gesellschaft sind nichts Neues. Die Arbeiterbewegung musste sich immer wieder neu zusammensetzen, aus Niederlagen lernen und Antworten auf neue Formen der kapitalistischen Beherrschung finden. Von den Enragés und der babouvistischen Verschwörung der Gleichen in der französischen Revolution bis 1848 musste die sehr frühe Bewegung sich vom konspirativen Putschismus (Blanqui) und verschiedenen utopischen Modellen (Owen, Fourier) befreien, um in den Pariser Junitagen von 1848 und ihren Auslegern in anderen Teilen von Europa zum ersten konkreten, bewaffneten Ausdruck des Kommunismus zu werden. Aus diesem Aufstand der 1840er Jahre erwuchs das reife Selbstbewusstsein der Bewegung, das sich in den Arbeiten und der praktischen Aktivität von Marx und Engels ausdrückt. Der lange Aufschwung nach der Niederlage von 1848 führte in den 1860er Jahren zu einem Aufschwung der Kämpfe, von der Sklaven-Emanzipation in den USA bis zur Streikwelle in Europa, der die vielfältige Erste Internationale hervorbrachte und in der Pariser Kommune gipfelte.

Die Niederschlagung der Kommune und die Zerstreuung der Ersten Internationale markierten die Verschiebung der vordersten Front der kapitalistischen Entwicklung und des Reifeprozesses der Arbeiterbewegung nach Deutschland, die lange Illusion des sozial-demokratischen Reformismus (Gewerkschaften und parlamentarische Aktivität), und die Verkürzung von Marxens Theorie der realen Bewegung in eine Ideologie für die industrielle Entwicklung der »rückständigen« Staaten, zuerst in Deutschland und dann viel fataler in Russland. Das leitete ein, was man das »Jahrhundert der Sozialdemokratie« nennen könnte und ihres Bastards, des StaliNIsmus (1875-1975), der fatalen Illusion des staatlichen Sozialismus. Marx und Engels denunzierten von der ersten Gelegenheit an den Begriff »Sozialdemokratie« als eklektischen Mischmasch, der nichts mit dem Kommunismus zu tun hatte, wie sie ihn verstanden (vgl. Kritik des Gothaer Programms, private Korrespondenz). Aber die grauen Eminenzen der später entstehenden Zweiten Internationale (1889-1914) begruben die Kritik der Gründer still und leise unter scheinbar unaufhörlichen parlamentarischen und gewerkschaftlichen Fortschritten in Westeuropa. Die Illusion, dass Sozialismus/Kommunismus die staatliche Planung des nationalisierten Eigentums (zudem innerhalb einzelner, autarker Nationalstaaten) bedeuten würde, verschleierte in der Tat die Realität des globalen Übergangs von der formellen/extensiven zur reellen/intensiven Herrschaft des Kapitals (1870er-1940er Jahre). Ein Übergang, der in einem weiteren (bis 1932) unbekannten Werk von Marx perfekt skizziert ist, dem sogenannten unveröffentlichten sechsten Kapitel des ersten Bandes des Kapitals. (Fußnote: Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses)

Die »wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt« erschütterte mit den russisch-polnischen Massenstreiks von 1905-1906 die selbstzufriedene eintönige Welt der Sozialdemokratie. Wie in der Pariser Kommune mit ihrem Versuch, den Staat praktisch abzuschaffen (z.B. sofortige Abrufbarkeit von Delegierten), setzte die Explosion von 1905 Sowjets und Arbeiterräte als fortgeschrittenste Formen der Macht der Arbeiterklasse auf die historische Agenda, gegen den parlamentarischen Reformismus, das Gewerkschaftswesen und die produktivistische Planung der Zweiten Internationale. Und Sowjets und Arbeiterräte standen ihrerseits im Zentrum der weltweiten Welle von Aufständen 1917-1921, die ihr Zentrum in Deutschland und Russland hatte und sich letztlich auf 30 Länder ausweitete und überall dort besiegt wurde. Aus diesem Anschwellen zwischen 1905 und 1921 ging die folgende Generation revolutionärer Theoretiker wie Luxemburg, Bordiga, Gorter und Pannekoek [3] hervor, selbstbewusster Ausdruck der praktischen Entdeckungen der Arbeiterklasse in Bewegung.

Die revolutionäre Welle von 1917-1921 war dennoch nicht tief genug, um das »Zeitalter der Sozialdemokratie« und der produktivistische Planung von oben zu beenden; ganz im Gegenteil machte sie letztere viel akzeptabler für die Stabilisierung des Kapitals. Der Kapitalismus regenerierte sein Gleichgewicht, indem er erneut über Berge von Arbeiterleichen gingen und durch vorher ungekannte oder kaum geahnte Formen der Staatlichkeit, ein Jahrzehnt der Depression und einen Zweiten Weltkrieg, der das erste Mal (im Gegensatz zum Reformismus der Periode vor 1914) eine »Neuzusammensetzung« erreichte; diese Neuzusammensetzung verdeckte die Realität, dass es bereits 1914 weltweit gesehen die Produktivkräfte gab, um die Warenproduktion abzuschaffen.

Ein Teil dieser Neuzusammensetzung umfasste eine intensivierte Akkumulation in halb-kolonialisierten und neuerdings unabhängigen, ehemals kolonialisierten Gebieten, als sowohl das hegemoniale britische als auch das französische Imperium der amerikanischen Hegemonie Platz machen mussten.

IV. Neuzusammensetzung und Revolte in der Ära des kapitalistischen Niedergangs

Die lange Expansion nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Vorzeichen unterschiedlicher Staatsideologien, die sich selbst einen progressiven Anstrich gaben, schien das »Gespenst des Kommunismus« weitgehend ausgetrieben zu haben, insbesondere seit sowohl der Begriff als auch die Symbole von totalitären Staaten übernommen worden waren, die ein Drittel der Weltbevölkerung regierten. Die ArbeiterInnen in den Fabrikhallen wussten es dennoch besser, gruppierten sich in beiden Blöcken neu und fanden ihren Weg zu neuen Kampfformen, vor allem zum wilden Streik, der ab Mitte der 1950er Jahre in den USA, Großbritannien, Frankreich, Spanien und Italien immer mehr Bedeutung gewann. Polnische ArbeiterInnen erzwangen im Jahr 1956 eine Neuordnung des stalinistischen Staates, und einige Monate später errichteten ProletarierInnen in Ungarn quasi über Nacht, und ohne dass eine leninistische Avantgardepartei in Sicht war, ein landesweites System von Arbeiterräten und stürzten das Regime. In Frankreich zogen ArbeiterInnen 1968 den längsten wilden Generalstreik in der Geschichte durch. Dieser Augenblick wilder Streiks nach den 50er Jahren hatte an vielen Orten bis 1970 den Kapitalisten faktisch die Kontrolle über die Fabrikhallen entrissen. Er ging aber nie darüber hinaus bis zur praktischen Ausarbeitung eines sozialen Projektes jenseits des Kapitalismus und unterlag so der kapitalistischen Gegenoffensive, die Mitte der 1970er Jahre in Fahrt kam. Diese Gegenoffensive verschärfte sich mit den aufeinander folgenden Wahlsiegen von Thatcher in Großbritannien, Reagan in den USA, Mitterand in Frankreich und Deng in China, Gorbatschow in Russland kam ab 1985 dazu. Seit den Jahren vor 1914 hatte die Ideologie nicht mehr so global mit einer Stimme gesprochen und orchestrierte 1.) die größte Ungleichverteilung des Reichtums seit den 1920 Jahren, 2.) die Zerstörung der sozialen Sicherheitsnetze, die in der vorangegangenen Ära aufgebaut worden waren, und 3.) eine »globalisierte« Zerstreuung der Produktion unter Verwendung neuer Telekommunikations- und Transporttechnologien, die die frühere Konzentration von ArbeiterInnen, die die Ära wilder Streiks im Westen möglich gemacht hatte, zu zersetzen schien.

In der gesamten historische Entwicklung seit 1914 gab es also wiederholte (und bis heute erfolgreiche) Versuche, die Tatsache zurückzudrängen, dass die kapitalistischen sozialen Beziehungen sich überholt haben, und ArbeiterInnen und ihre Kämpfe ungeachtet der sozialen und menschlichen Kosten durch Zerstörung, Unterdrückung und Ideologie in diese Beziehungen zurück zu zwingen.

Im Gegensatz zur Ära 1815-1914 gingen diese kapitalistischen Rückeroberungen seit dem Ersten Weltkrieg mit einer Neuzusammensetzung einher und mit einem Ausmaß an massiver Zerstörung von ArbeiterInnen und Anlagen, das im vorherigen Jahrhundert der kapitalistischen Dominanz unbekannten gewesen war. Kollaps, Deflation, Depression und »automatische« Erholung, wie in den zehnjährlichen Krisen, die Marx im Kapital analysiert, reichten nicht mehr aus.

Neuzusammensetzung bedeutete im Gegensatz zu wirklichem Reformismus, wie er vor 1914 praktiziert worden war, dass die Karten neu gemischt wurden, eine Absenkung der gesamten sozialen Lohnkosten, die als Einschluss erscheinen sollte: Disziplinierung der Arbeiterklasse durch Gewerkschaften und sozialistische Parteien, Pläne für eine Zusammenarbeit von Arbeitern und Management, oder näher an der Gegenwart, Diversity-Berater, NGOs, weibliche Chefs und grüner Kapitalismus.

Was die neue Periode nach 1914 (variabel »Dekadenz«, »Epoche des imperalistischen Niedergangs«, »reelle Herrschaft des Kapitals« genannt) im Gegensatz zur vorangegangen kennzeichnet, ist dass das Kapital expandiert und die gesellschaftliche Reproduktion sich zusammenzieht. Aufschwünge wie der Nachkriegsboom (1945-1970) umfassten eine solche Neuzusammensetzung, (ermöglicht durch die vorhergehende massive Zerstörung: zwei Weltkriege, ein Jahrzehnt der Depression, Faschismus und Stalinismus), die Neuorganisation des Weltsystems (Ende des britischen und französischen Empires), die Transformation der Weltwirtschaft – ohne den sowjetischen Block und China – in einen »Dollar-Block« unter Marshall-Plan, IWF und Weltbank, und die Implementierung eines neuen »Wertstandards« ausgehend von den neuen Technologien der 20er und 30er Jahre, die durch die früheren, überholten nationalen Märkte blockiert worden waren (hauptsächlich Gebrauchsgüter, z. B. Auto und Haushaltsgeräte). Diese Neuzusammensetzung verlor mit der leichten Rezession 1966 (Japan, Deutschland, USA), der Dollarkrise 1968 und dem Ende des Bretton-Woods-Systems (1971-73) an Schwung. Nicht zufällig erlebte diese letzte Periode der Auflösung den schärfsten Klassenkampf in Jahrzehnten, vorher oder danach.

V. Das Kapital versucht durch Zerstörung ein neues Gleichgewicht zu finden 1970 bis heute: Die langsame Bruchlandung

Seither hat das Kapital verzweifelt nach einer anderen erfolgreichen und auf einem neuen »Wertstandard« [2] basierenden Neuzusammensetzung gesucht, ungeachtet der Folgen für die gesellschaftliche Reproduktion auf globaler Ebene. Diese Folgen waren bisher schon zerstörerisch genug, und sie sind noch lange nicht am Ende.

Wie schon gesagt: das Kapital weitet sich in diesen vier Jahrzehnten aus, die globale gesellschaftliche Reproduktion zieht sich zusammen.

Sehen wir uns den Ablauf genauer an.

1970-73 begann die »langsame Bruchlandung«, angekündigt durch den Bankrott der Penn Central Eisenbahn, durch eine Rezession in den USA, durch Nixons späte Entdeckung, dass er ein Keynesianer ist, und seine einseitige Auflösung des Bretton-Woods-Systems fester Wechselkurse im August 1971. Das Kapital hat durch den Aufbau einer Schuldenpyramide den Schein der »Normalität« in Nordamerika, Westeuropa und Ostasien zum größten Teil aufrecht erhalten: »normale« Rezessionen 1973-75, 1980-82, 1990-91, 2001-02 und die momentane, die 2007 begonnen hat. Wenn man allerdings die gesellschaftliche Reproduktion betrachtet, war die Geschichte des Kapitalismus auf globaler Ebene nach 1960 kaum weniger als der Ersatz für einen Dritten Weltkrieg, der Versuch einer Neuzusammensetzung, wie sie 1914-1945 erreicht worden war. Hier nur die Höhepunkte: Der tatsächliche Lebensstandard fiel in den USA um 20 bis 30 Prozent; die Familie mit einem Lohn wurde ersetzt durch die Familie mit zwei bis drei Löhnen; ganze Regionen wurden deindustrialisiert; in Westeuropa gab es über den Großteil dieses Zeitraums hinweg durchschnittlich acht bis zehn Prozent Arbeitslosigkeit, und allseitig wurde der Wohlfahrtsstaat abgebaut (ein noch nicht abgeschlossener Prozess); in Osteuropa und Russland die totale Rückentwicklung für ArbeiterInnen am Rande vonYuppie-Enklaven, die sich in Russland auf der Rente für Bodenschätze gründen, nicht auf wirklicher Produktion, und in Osteuropa auf Immobilienspekulation durch westliches Kapital. Wenn wir Lateinamerika, Afrika, den Teil des Mittleren Ostens ohne Ölvorkommen, die ex-sowjetischen zentralasiatischen Länder, Indien und den Rest von Asiens abseits der Tigerstaaten »dazurechnen«, dann geht es um Milliarden von verkrüppelten Leben, Millionen von Toten durch Krankheiten und allgemeine Verelendung. Mexiko wurde in diesen Jahrzehnten vom »nächsten Korea« (Wall Street Journal, ca. 1990) zum möglichen nächsten Afghanistan (Financial Times, März 2010).

Nur Ostasien, das sich jetzt bis zur Küste Chinas erstreckt, ist zum Teil eine Ausnahme, und sogar dort brachte die Krise 1997-98 eine furchtbare Rückentwicklung in Korea, Thailand und Indonesien. Chinas Wachstum nach 1978 schloss ungefähr 850 Millionen Bauern und eine Arbeitslosenarmee von 100 Millionen vom Boom aus.

Der ähnlich gepriesene »Glanz Indiens« wurde entlarvt durch die weit verbreitete ländliche Armut, eine Selbstmord-Epidemie bankrotter Weber, Arbeiterunruhen in den industriellen Vororten Delhis und das Wiederaufleben der maoistischen Guerillabewegung (Naxaliten), die bis dahin nach einer Repressionswelle in den 1970er Jahren als so gut wie ausgestorben galt.

Das asiatisches Wachstum, sowieso schon ein Minderheitenphänomen der zwei „aufsteigenden Giganten“ China und Indien, wird von all den Rückentwicklungen weltweit mehr als aufgewogen.

Man kann nicht über einen neuen globalen Angriff auf den Kapitalismus nachdenken, der mit den Angriffen 1917-21 oder 1968-1977 vergleichbar wäre und sie überträfe, ohne die sich ändernden Bedingungen des Lohnarbeiter-Proletariats in den letzten 35 Jahren zu analysieren; Bedingungen, die so wenig mit denen der Fließbandarbeiter in Detroit, bei British Leyland oder Renault-Billancourt (Paris) 1968 zu tun haben wie jene wiederum mit denen der deutschen, russischen oder italienischen ArbeiterInnen direkt nach dem Ersten Weltkrieg.

VI. Der Angriff des Kapitals auf Proletarierkonzentrationen

In den schönen Passagen über »Maschinerie und Große Industrie« im ersten Band des Kapitals zeigt Marx, dass die Geschichte der Technologie im Sinne des unaufhörlichen Kampfes zwischen Kapital und Arbeit um Länge und Konditionen des Arbeitstages geschrieben werden kann; und so muss man auch alles, was das Kapital seit den späten 1970er Jahren unternommen hat, als Offensive gegen die Arbeiteraufstände der 1960er und 1970er Jahre verstehen. Es geht darum, ein neues universelles Projekt im Sinne einer Vereinheitlichung der Bedingungen für ArbeiterInnen weltweit zu finden, ähnlich der praktischen Entdeckung von Sowjets und Arbeiterräten vor und nach dem Ersten Weltkrieg und ihrer flüchtige »Wiederentdeckung« im Jahrzehnt nach 1968. Es geht darum, »immanent« in der heutigen globalen Produktion und Reproduktion die »umgekehrte« Form zu finden, die auf das verweist, was Marx in den Grundrissen beschrieb:

»Als das rastlose Streben nach der allgemeinen Form des Reichtums treibt aber das Kapital die Arbeit über die Grenzen ihrer Naturbedürftigkeit hinaus und schafft so die materiellen Elemente für die Entwicklung der reichen Individualität, die ebenso allseitig in ihrer Produktion als Konsumtion ist und deren Arbeit daher auch nicht mehr als Arbeit, sondern als volle Entwicklung der Tätigkeit selbst erscheint…« (Grundrisse, S. 231).

Erschrocken über die 1968-1977 aufkommende Suche nach dieser »vollen Entwicklung der Tätigkeit selbst« reagierte das Kapital auf den Zusammenbruch der alten Akkumulationsbedingungen mit einer zweiten großen Neuzusammensetzung der Weltarbeiterklasse (nach der von 1914-45). Sie wurde durch die weitreichende Auflösung und Zerstreuung der großen Fabriken und ihrer hohen Konzentration von ArbeiterInnen in dichten Stadtgebieten in den USA und in Europa erreicht. Durch neue Technologien und eine Revolution im Kommunikations- und Transportwesen wurde die Produktion intensiviert. Das Kapital hatte wie immer damit zu kämpfen, die Produktivität zu steigern und gleichzeitig soweit wie möglich lebendige Arbeit aus der Produktion zu eliminieren. Aber angesichts des hohen Produktivitätsniveaus, das schon in den 1960er Jahren erreicht worden war, war das ein steter, mystifizierter Kampf gegen die Realität: die lebendige Arbeit, die zur materiellen Reproduktion der ganzen Gesellschaft notwendig war, war global gesehen als Teil des gesamten Produkts schon »überflüssig« geworden; und doch wurde sie unter den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen dringend gebraucht, um die kapitalistische Ausweitung des Wertes weiterzutreiben. Schon allein die sieben Millionen Menschen im US-Gefängnissystem (die auf ein Verfahren warten, im Gefängnis sitzen oder auf Bewährung sind – das entspricht zwei Prozent von insgesamt 300 Millionen) zeigen, wie das Kapital seine überflüssige Bevölkerung »lagert«, ganz zu schweigen von den zwei Milliarden Menschen, die in verschiedenen Teilen der Dritten Welt ähnlich marginalisiert sind.

Technologie als solche, und das verstehen wir heute nach dem Trara um »Hightech« und »New Economy« der 1980er und 1990er Jahre um einiges klarer, ist nicht Kapital, selbst wenn existierende Technologien notwendigerweise die materielle Verkörperung kapitalistischer gesellschaftlicher Verhältnisse sind.

VII. Der Kampf des Kapitals gegen das Gespenst seiner eigenen Abschaffung, das seit dem Ausbruch der kommunistischen Bewegung 1848 umgeht

Die Entstehung des Kommunismus als wirkliche Bewegung in der europäischen Arbeiterklasse 1848 zwang die kapitalistische Ideologie im Gegensatz zur Aufgabe der Ideologie in allen vorhergehenden Klassenformationen, zur zunehmenden Mystifizierung dessen, was die Gesellschaft ab dieser Zeit vermochte: nämlich die Lohnarbeit, die Warenproduktion, das Kapital und mit all dem die Klassen abzuschaffen, zuallererst das Proletariat. Zu diesem Zweck verwarf sie ihre eigene klassische politische Ökonomie, ihre Begeisterung für aufklärerische Vernunft und ihre Fürsprache für den »Dritten Stand«, da es sich nun mit dem proletarischen Vierten Stand konfrontiert sah. Sie ließ den prometheischen Sozialrealismus seiner Künstler von Shakespeare über Goya bis Balzac fallen und schreckte entsetzt zurück, als sie die Waffen ihrer eigenen Emanzipation gegen sich selbst gerichtet sah, indem ihre wichtigste, die hegelianische Philosophie, sich zum radikalen Gärstoff der 1840er Jahre entwickelte und Karl Marx den Weg bereitete. Obwohl das Kapital bis in die 1840er Jahre, im England der Tudors, in der französischen Revolution und in verschiedenen anderen Ländern (z.B. Spanien) aggressiv Klöster geschlossen und große kirchliche Ländereien enteignet hatte, reagierten seine Ideologen auf das »Gespenst des Kommunismus« mit einer wachsenden Zuneigung zum religiösen Revival und einem neuen Irrationalismus (der zugegebenermaßen mild war verglichen mit ähnlichen Phänomenen in den letzten drei Jahrzehnten).

Diese Mystifizierung, nämlich die frenetische ideologische Umkehr wirklicher menschlicher Möglichkeiten, die wieder zurück in kapitalistische Verhältnisse gezwängt werden, hatte während des Nachkriegsbooms von 1945-1970 schon enorme Dimensionen angenommen; das zeigt sich vielleicht am besten in der Ästhetik, Theorie und Praxis des »Hochmodernismus«. Es war im Osten, im Westen, im Norden wie im Süden die Ära der »aufgeklärten Planer« – ob in Robert Moses’ New York City, in den »Wissenschaftsstädten« der ehemaligen Sowjetunion, den Fehlinvestitionen der Entwicklungshilfe in den Entwicklungsdiktaturen von Nasser und Nehru – riesigen, kaum genutzten Stahlwerken und Autobahnen ins Nirgendwo, oder der unheimlichen Stille von Oskar Niemeyers technokratischem Traum von Brasilia (ähnlich seinem genauso unheimlichen Hauptgebäude der französischen Kommunistischen Partei in den Pariser Vororten). Das Kapital erholte sich von seiner kurzen Begegnung mit der Vergänglichkeit direkt nach dem Ersten Weltkrieg und von den langen Jahrzehnten der Krise bis 1945, die notwendig waren, um die globale Akkumulation neu aufzubauen; es erholte sich mit der Pseudo-Rationalität gesellschaftlicher Planung, durchgeführt von Experten: den grauen gesichtslosen Bürokraten der britischen Labour Partei und ihrem Wohlfahrtsstaat, den arroganten Technokraten von Frankreichs »trente glorieuses«, den stalinistischen Bürokraten aufeinander folgender sowjetischer Fünf-Jahres-Pläne und dem Versprechen vom »Gulasch-Kommunismus«, den »Verteidigungs-Intellektuellen« und Robert McNamaras der militärischen Ausdehnung der USA über die ganze Welt. Es war die Ära einer triumphalistischen Pseudo-Rationalität der Ideologie, von hirntoter logisch-positivistischer Philosophie über die Dominanz der Mathematik in der neo-klassischen »Ökonomie« hin zur kargen formalistischen Strenge der modernistischen Literatur, Kunst, Architektur und Musik. Letztere wurde dabei sorgfältig gesäubert von der radikalen gesellschaftlichen Dimension, die einige Strömungen des Modernismus in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg belebten hatten oder zumindest zu beleben schienen.

In dieser euphorischen Atmosphäre war nur den wenigsten bewusst, dass die einzig wahre Rationalität seit 1848 die der bewussten globalen Praxis der revolutionären Arbeiterklasse war. Aber während die Arbeiterklasse begann, sich ab den 1950er Jahren in einer Bewegung wilder Streiks neu zuzusammenzusetzen, pries die dominante Ideologie weiter die leuchtende Zukunft des produktivistischen technokratischen Modernismus. So wurde das versteckte Potential vom »Strand« der »unterm Pflaster« liegt, wie sich ein Wandlyriker in Paris im Mai 1968 ausdrückte, bravourös zubetoniert.

Wie mystifizierte das Kapital seine eigene Überholtheit, nachdem es gelungen war, den Arbeiteraufruhr von 1968-1977 einzudämmen? Jede Phase der kapitalistischen Ideologie seit 1848, aber besonders seit 1917, war gezwungen sich mit Fragmenten zu schmücken, die von niedergeschlagenen revolutionären Erhebungen geborgt waren. Man erinnere sich an Louis Napoleons Förderung der Arbeiterorganisation und gar der Berufung einer französischen Delegation zu den frühen Kongressen der Ersten Internationale. Dem Faschismus der Zwischenkriegszeit gelang es, sich die Insignien und Methoden der Massenpropaganda der Arbeiterbewegung anzueignen, die er zerstörte. Die drei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg kann man als »Realisierung« des sozialdemokratischen Gothaer Programms bezeichnen, das Marx 1875 kritisiert hatte – egal ob sie wohlfahrtsstaatlich, stalinistisch oder als nachholende Entwicklung getarnt war.

Der kapitalistische Gegenangriff ab den späten 1970er Jahren ist uns am nächsten und verdient daher eine detailliertere Bilanz. All seine gesellschaftlichen und kulturellen Merkmale müssen vom Blickwinkel der möglichen materiellen menschlichen Gemeinschaft aus gesehen werden, deren Umkehrung sie sind: vom Zerbrechen der Stadt in Vorstädte und Trabantenstädte, der Verbreitung von Shopping Malls und Business-Vierteln am Stadtrand, der »Rückereroberung« der Innenstädte (die während des Nachkriegsbooms von den Mittelklassen verlassen worden waren) in Form weltweiter Gentrifizierung und Abschiebung der Armen in verkommene Siedlungen; über die ganz offen korporative Übernahme von »Bildung« bis zur noch stärkeren Privatisierung und Atomisierung von Menschen durch individuelle Technologien und den unendlichen Ozean der Banalitäten, den sie »kommunizieren«. Und man darf nie vergessen, dass diese »postmodernen« Phänomene in Nordamerika, Europa und Ostasien, wo sie als »Wachstum« gepriesen werden, auf globaler Ebene mit dem »Planet der Slums« koexistieren, um Mike Davis’ Ausdruck zu verwenden.

Bemerkenswert an den letzten drei Jahrzehnten ist, wie sich das Kapital einen großen Teil der ideologischen Schaumschlägerei der unterlegenen und kooptierten Bewegungen der 1960er Jahre zu eigen gemacht hat. [4]. Es war nicht das erste Mal, dass die Rebellion der entfremdeten Mittelklassen dabei half, den Weg für die nächste Phase der Akkumulation zu bahnen. In den 1930er Jahren waren es eben diese Klassen, die die Verwaltungsapparate des entstehenden Wohlfahrtsstaates bevölkerten. Man könnte sagen, dass der PC, was die wohlhabenderen Klassen des »fortgeschrittenen« kapitalistischen Sektors angeht, als Symbol der Akkumulationsphase ab den späten 1970er Jahren stehen wird, so wie das Automobil für den Zeitraum davor.

Aber der Computer war, wie das Auto vor ihm, viel mehr als eine Technologie, er war verbunden mit einer ganzen Ideologie der Freiheit. Das war die Ideologie einer »Revolution« gegen »Größe«, »Bürokratie« und »Hierarchie«, gegen die Unterordnung des Individuums unter die Organisation und den »grauen Flanellanzug«, in den 60er Jahren einer der Schlachtrufe der Neuen Linken. Während die frühere Bewegung, sowohl in ihrer politischen Form wie auch als Bohème und Gegenkultur, dem damals dominanten »Puritanismus« hedonistischen Konsum entgegengestellt hatte, stürzte sich die kapitalistische Klasse und ihre Günstlinge, angeführt von einer Yuppie-Vorhut von der Wall Street und aus der Londoner City, in Designer-Drogen, Gourmet-Restaurants und Haute Couture-SM. Über die sich stetig verlängernde Arbeitswoche wurde nicht viel gesagt. Weder für diese »kreativen Klassen«, wie sie von angesagten und geistlosen Sozialtheoretikern (z.B. Richard Florida) angepriesen wurden, noch für die von zwei bis drei Löhnen lebenden Arbeiterfamilien, die die Verkehrstoten auf dem »Information Superhighway« und in der »New Economy« waren. Für die »kreativen Klassen« und viele andere lösten PC, Handy und Blackberry den Widerspruch zwischen Arbeit und Freizeit auf, nicht in Marx’ »volle Entwicklung der Tätigkeit selbst«, sondern in … Arbeit rund um die Uhr.

Die quasi totalitäre Einverleibung der gescheiterten Rebellion griff in jeden Aspekt des Lebens ein, von den schicken New Yorker Restaurants in früheren Lagerhäusern, die mit Fotografien von Brotschlangen in den 1930ern dekoriert waren, bis zur Verdrängung jedes unkonventionellen Cafés oder unabhängigen Buchladens durch Barnes&Noble. Riesige Shopping Malls tauchten auf, mit wenig oder gar keinem Personal in den großen Höhlen voller Waren, ganz zu schweigen von Leuten, die sich tatsächlich mit dem Verkaufsgut ausgekannt hätten; jede Firma und Behörde, die irgend konnte, ersetzte ihre Empfangsmitarbeiter durch endlose automatische Telefonabfragen voll von irrelevanten Optionen und mit endlosen Wartezeiten. So senkte man die Kosten, indem man zu unbezahlter Arbeitszeit zwang, wem angeblich eine »Dienstleistung« erwiesen wurde; »oppositionelle« Kultur der Vergangenheit, von Blues und Jazz zu einst subversiven Büchern, wurde in Zellophan gehüllt bei Borders verkauft. Im Namen des ultra-verdinglichten Hypes um »Information« (als ob Bücher wie Hegels Phänomenlogie des Geistes oder Marx’ Kapital »Information« wären, Seite an Seite mit dem neuesten Management-Handbuch von Tom Peters) haben Bibliotheken Millionen Bücher zerschreddert, um in einen kleineren, verkabelten Raum umzuziehen. Arrogante Firmenbosse aus dem Silicon Valley und ihre Publizisten, die Bücher und ernsthaftes Denken schon immer gehasst hatten, sangen Lobgesänge auf die »papierlose« Wirtschaft des neuen Jahrtausends. Millionen von Jobs auf »mittlerer Führungsebene« (zugegebenermaßen ohne höhere gesellschaftliche Relevanz) wurden mittels Hightech abgebaut, und ihre ehemaligen InhaberInnen verschwanden in die wiederverwertete Vorort-Vergessenheit, übertönt von Lobgesängen auf die »New Economy«.

Die Universitäten machten »liberale« Bildung zur ausgeweiteten Ausbildung für ihre »Kunden« und übergaben die schäbigen Überbleibsel der alten Geisteswissenschaften an die postmoderne dekonstruktivistische Lumpenintelligenz mit ihrem Mantra »alles ist korrupt«, spezialisiert darauf, ihre eigene (ohne Zweifel sehr reale) Korruptheit auf genau die fortschrittlichen Bewegungen in der Geschichte zu projizieren, die den Insurgent Notes als Inspriation dienen – auf die Revolutionen. Dieser ideologische Verfall lenkte hilfreich vom beschleunigten Verfall der amerikanischen Infrastruktur ab – der Kanalisationen, Straßenbahnen, Straßen, Brücken, Dämme in New Orleans oder Wohnblöcken der »Old Economy«. Vielleicht der erstaunlichste Teil dieser ideologischen Schönheitsoperation war das Auftauchen des MBA, des Computerfreaks und des Investmentbankers – Figuren, die im Klima der 1960er Jahre von vielen verschmäht und lächerlich gemacht worden waren, jetzt fast als Helden der Leitkultur und »Revolutionäre berühmt werden. Der vergessene »zerstreute Professor«, der (in manchen Fällen) immer noch ein bisschen nach dem alten (und mittlerweile abservierten) Humanismus roch, wurde durch den/die schlanke(n), gebräunte(n), zynische(n), »radikale(n),« postmoderne(n) LiteraturtheoretikerIn ersetzt, der/die sich seinen/ihren Weg zur Festanstellung und von Konferenz zu Konferenz durch die Pflege von Netzwerken bahnte.

Bescheidene Häuser und Viertel, im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert für die ArbeiterInnen gebaut, wurden durch die Wiederaneignung der Innenstädte von Yuppies ohne Kinder aber mit zwei Gehältern mittels des allgemeinen »Zitats« vergangener Kultur aufpoliert und des pulsierenden Straßenlebens beraubt, das sie einst für ihre früheren BewohnerInnen erträglich gemacht hatte. (Die wenig diskutierte Tatsache, dass die typische Arbeiterfamilie in den USA in den 1950er Jahren 15 Prozent ihres Einkommens fürs Wohnen ausgab, heute aber durchschnittlich 50 Prozent und damit meistens einen ganzen Lohn, setzt dem Ganzen die Krone auf.) Diese neue Ration umfasste auch einen massiven Angriff auf die Erinnerung, vom Vorschlag, Auschwitz zu einem Themenpark zu machen, bis zur Verwandlung der im Generalstreik 1934 in San Francisco umkämpften Straßen in Einkaufsmeilen. Radikale Hafenarbeiter hatten sich in den 1950er Jahren mit der literarischen Bohème an San Franciscos North Beach oder in der White Horse Tavern in New York vermischt, heute dagegen sind die voll containerisierten Häfen in die Ferne verlagert, mit nur noch einem Zehntel so vielen Arbeitern, und man kann sich ein ähnliches Zusammentreffen von Yuppies und geistesabwesenden ArbeiterInnen vom nächsten McDonald’s an diesen alten Orten kaum noch vorstellen.

Genau wie der Kapitalismus durch »ursprüngliche Akkumulation« immer zum Teil vom Ausplündern und Zerstören vorkapitalistischer gesellschaftlicher Formationen gelebt hat, hat die bürgerliche Kultur in den Jahrhunderten ihres Aufstiegs von der vorkapitalistischen Kultursphäre gelebt (das ist beispielsweise an ihrem mimetischen Verhältnis zur europäischen Aristokratie zu erkennen). Als das Kapital sich gegen sich selbst richtete, fand die Selbst-Kannibalisierung seiner reproduktiven Grundlage seit den späten 1970er Jahren einen unheimlich genauen Widerhall in der Selbst-Kannibalisierung seiner einst fortschrittlichen Kultur durch den ideologischen Ebola-Virus, der von postmodernen Nihilisten und Dekonstruktivisten verbreitet wurde, den Foucaults, Saids und Derridas. Wie Marx vor langer Zeit sagte: »Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse…«.

VIII. Die Neuzusammensetzung der Klasse und ihre Feinde: Porto Alegre, NGOs und das Weltsozialforum gegen die Weltarbeiterklasse

Diese Kulturoffensive blieb nicht ohne politisches Gegenstück. Die nichtmarxistische Linke hat wiederholt eine essentielle Rolle dabei gespielt, den Kapitalismus für eine neue Akkumulationsphase umzugestalten. Man muss sich nur an Proudhon und seinen 150 Jahre währenden Einfluss auf Arbeiterkooperativen [5] innerhalb eines kapitalistischen Rahmens erinnern, oder näher an unserer Zeit, die Rolle von Sozialdemokratie, Stalinismus und der Labour-Partei (und sogar des Faschismus und der ehemaligen »Linken« wie Mussolini, die ihn ursprünglich formten) dabei, die Grundlagen für den keynesianischen Wohlfahrtsstaats nach 1945 zu legen.

Aber genau wie in den 1950er und 60er Jahren viele Linke (während einer scheinbaren Flaute der Klassenauseinandersetzungen im Westen) ihre Hoffnungen auf romantisierte Guerillabewegungen in Lateinamerika, Afrika und Asien richteten, nur um von ihren Ergebnissen bitter enttäuscht und vor allem von der Klassenexplosion in Europa und Nordamerika aus der Fassung gebracht zu werden, war die Hinwendung zu den (neuen) sozialen Bewegungen in den 1980ern und 1990er Jahren in einer radikal veränderten Welt durch eine ähnliche Flaute motiviert. Die Weltarbeiterklasse, und erst in zweiter Linie die soziale Bewegung, hält den Schlüssel in der Hand zu einer positiven Zukunft im 21. Jahrhundert, wie wir sie erleben wollen. Die Entstehung neuer Arbeiterklassen in Teilen der Dritten Welt in den vergangenen Jahrzehnten bedeutet natürlich, dass die nächste Klassenexplosion nicht so aussehen wird wie die letzte, genauso wenig wie diese derjenigen der Zwischenkriegszeit geglichen hat. Ohne solch eine Explosion werden die sozialen Bewegungen, so wie es bisher in Lateinamerika der Fall zu sein scheint, nicht mehr als das Anhängsel eines neu konstituierten kapitalistischen Staates sein, möglicherweise mit Chavez’ Venezuela oder sogar Lulas Brasilien als Vorbild.

Sollte es dem Kapitalismus gelingen, aus der gegenwärtigen Krise heraus einen brauchbaren Rahmen für die Akkumulation zu schaffen, werden viele der neuen sozialen Bewegungen – Identitätspolitik um Rasse, Ethnizität, Gender, alternative Sexualität, Energie und Umwelt, die jedem Klasseninhalt gegenüber feindlich ist – eine solche Rolle gespielt haben. Das polemische Feuer des Weltsozialforums und weniger wichtigerer Ereignisse richtet sich in erster Linie gegen Neoliberalismus und Neokonservatismus, und nicht gegen die globalen Keynesianer Stiglitz, Sachs, Soros, Krugman usw., die zu den führenden Kandidaten für die Umgestaltung des Kapitalismus auf Kosten der Arbeiterklasse und ihrer potentiellen Verbündeten gehören. Ihr Vorgänger J. M. Keynes war in den 1930ern und 1940er Jahren an solch einem Prozess beteiligt. Zu den beispielgebenden Befürwortern einer »globalen Gerechtigkeit« im Weltsozialforum gehören der Stalinist Fidel Castro, der Öl-Peronist Hugo Chavez und der frühere Bewunderer der roten Khmer Samir Amin.

Ein Fürsprecher dieser »fortschrittlichen Kräfte« schrieb neulich und typischerweise:

»… die Aufgabe der fortschrittlichen Kräfte ist es, wie immer, einen Unterschied zu schaffen zwischen ‘reformistischen Reformen’ und Reformen, die eine ‘Nicht-Reformistische’ Agenda fördern. Letztere würden eine großzügige Sozialpolitik einschließen, die eine Dekommodifizierung und Kapitalverkehrskontrollen sowie stärker nach innen orientierte industrielle Strategien, die eine demokratische Kontrolle der Finanzmärkte und letztendlich der Produktion selber erlauben.« [6]

Wenn ein solches Programm »Kapitalverkehrskontrollen« und »demokratische Kontrollen der Finanzmärkte« beinhaltet, fragt man sich, wie es eine ernsthafte »Dekommodifizierung« geben soll, ist Warenproduktion doch zentral für die Existenz von Kapital und Finanzwesen.

Neue soziale Bewegungen sind nirgends so bedeutend und erfolgreich wie in Lateinamerika, wo in den letzten Jahren ein neuer Populismus aufgestiegen ist. Lula war sicherlich ein Vorreiter dieses Trends, [7] von der Ausrichtung der brasilianischen Arbeiterpartei an den sozialen Bewegungen in ihren frühen Tagen bis hin zu seiner… enttäuschenden… (aber vorhersehbaren) Bilanz als Regierungsoberhaupt. Die argentinischen Piqueteros stürzten im Dezember 2001 die Regierung, aber nachdem es ihnen nicht gelungen war, sie durch irgend etwas anderes zu ersetzen (siehe John Holloway [8]), spalteten sie sich in einen rechten und einen linken Flügel, wobei der rechte Flügel mittlerweile von einer hoch politisierten Basis aus Arbeits- und Sozialprogramme für die neugebildeten (und peronistischen) Regierungen verwaltet. Evo Morales in Bolivien nutzt ebenfalls das Erstarken der sozialen Bewegungen, die 2003 die Privatisierung der Rohstoffe stoppten (und für einen Moment ausblendeten, was »Staatseigentum« bedeutet), um dem Staat neue Legitimation zu verschaffen. Und die weiteste Entwicklung dieses Trends kulminiert bis dato in Hugo Chavez’ bolivarianischem »Sozialismus des 21. Jahrunderts«, [9] mit einer Berufsarmee einschließlich kubanischer Berater im Zentrum. Mit Einkünften aus der Ölrente wird eine neue Version des peruanischen (1968-1975) Militärmodells finanziert, das sehr viel Einfluss auf Chavez ausgeübt hat. Eine neue Form von Staatspaternalismus rekonstituiert sich auf der Grundlage sozialer Bewegungen und ersetzt den alten, nicht mehr haltbaren Staatspaternalismus (z.B. Peron, Vargas).

Aber parallel zu diesem Trara entstanden in Lateinamerika neue Arbeiterkämpfe. Der Aufstand in Oaxaca 2006, der von der Lehrergewerkschaft ausgelöst, aber schnell zum städtischen Aufstand geworden war, brachte über Monate eine radikale Versammlungskultur hervor. Mehr oder weniger parallel dazu wurde die Innenstadt von Mexiko-City nach der gestohlenen Wahl wochenlangen belagert, eine Massenbesetzung, die weit über die linksbürgerliche Partei (PRD) des traurigen Verlierers Lopez Obrador hinausging. Es gab Generalstreiks in Ecuador und Peru. Es gab einige exemplarische Streiks in Venezuela, die dem Jubelgesang für Chavez (der bei seinen ausländischen Cheerleadern weitaus inbrünstiger ist als bei den venezolanischen Massen) eine Dissonanz zufügen. In Argentinien zwangen die Piqueteros 2001-02 (trotz ihrer vorher erwähnten Unzulänglichkeiten) und ihre kreativen Kampfmethoden jenseits der Fabriken den peronistischen Staat kurzzeitig in die Knie, nur um dann ihre Unfähigkeit zu demonstrieren, darüber hinaus zu gehen. Einzelne Aspekte dieses lateinamerikanischen Ferments sickerten gar in die USA durch, wie bei den Mobilisierungen der Latino-Einwanderer an den Maifeiertagen 2007 und 2010.

Theoretiker der sozialen Bewegungen wiederholen immer wieder, dass die »organisierte Arbeiterschaft« nicht länger die vereinigende Kraft für eine zunehmend atomisiertere, prekarisierte und zersplitterte Arbeitskraft sein kann.

Die Insurgent Notes beziehen sich nicht im geringsten auf die »organisierte Arbeiterschaft«, sondern auf die Arbeiterklasse als Ganze. Es ist wichtig, niemals den historischen Hintergrund des Perspektivenwechsels von der Arbeiterklasse hin zu den sozialen Bewegungen zu vergessen. Immer wieder entsteht wie in Brasilien (1978-83) Polen (1989-81) und Korea (1987-1990 )das gleiche Muster von einem Gipfel der Industrialisierung »alten Stils« (der »Massenarbeiter«, wie einige heute sagen), einer Explosion wilder Streiks und wichtiger Siege, gefolgt von einer kapitalistischen Gegenoffensive, die hinausläuft auf die vollständige Durchsetzung der nur all zu bekannten Formen von Outsourcing, Flexibilisierung und Deindustrialisierung ad nauseam. In Brasilien schrieb sich die CUT (der größte Gewerkschaftsverband, zu dem auch Lulas Metallarbeitergewerkschaft gehörte) 1983 das Prestige dieser Streiks auf die Fahnen. Im Jahr 2000 war die CUT nahezu vollständig auf Sozialarbeit reduziert und brachte den entlassenen Autoarbeitern bei, vor den Toren der geschrumpften Fabriken Obststände aufzubauen. Auf ähnliche Art kommen in der Landlosenbewegung (oder sim-terra, wie sie im Portugiesischem genannt wird) einige wichtige Erfolge im Angesicht harter Repression mit dem immer wieder auftretenden Problem zusammen, dass die Bauern sich nicht mehr beteiligen, sobald sie erstmal ihr Land erhalten haben. In Südkorea ebnete die Streikwelle in den späten 1980er Jahren den Weg für die Ausbreitung von NGOs, »Friedensaktivisten« und dem Geplapper von der »Zivilgesellschaft«.

Die neuen sozialen Bewegungen entstanden in den frühen 1980er Jahren, um die Lücke zu füllen, die die verheerende Offensive des Kapitals gegen die Arbeiterklasse hinterlassen hatte. Um nur ein paradigmatisches Beispiel aufzugreifen, FIAT in Italien gab in diesen Jahren Milliarden dafür aus, sich von den großen Turiner Fabriken auf die grüne Wiese zu verlagern, um mit weitaus weniger Arbeitern, verteilt in kleinen Städten, genauso viele oder gar mehr Autos zu produzieren. Die Welle wilder Streiks der späten 1970er Jahre war gebrochen. Es könnte fast das Paradigma einer Epoche sein. Das Kapital ist bereit die Gesellschaft zu zerstören, um als Kapital weiter existieren zu können.

In den letzten Jahren gab es außer in Lateinamerika eine beeindruckende Zunahme von Streiks in der Dritten Welt (Textilarbeiterinnenstreiks in Bangladesh und Ägypten, der TEKEL-Streik in der Türkei, Generalstreiks in Vietnam, Streiks in Gurgaon (Indien) [10], die Rolle der indonesischen Arbeiterklasse beim Sturz von Suharto 1998, 70000 »Vorfälle« pro Jahr in China, bei denen es z.B. um Privatisierungen und die Plünderung der Rentenkassen geht). [11] Outsourcing, Prekarisierung und Zeitarbeit haben offensichtlich die Grenzen des klassischen, relativ stabilen Industrieproletariats der Ära vor 1980 verschwimmen lassen. Wie auch immer ihre Bedingungen sein sollten, die IndustriearbeiterInnen in China, Indien, Brasilien oder Südostasien, mal ganz abgesehen von den ArbeiterInnen in der ehemaligen Sowjetunion, die in den letzten Jahrzehnten für die Kapitalakkumulation verfügbar geworden sind, sind schon ein Teil der entstehenden nächsten proletarischen Offensive.

IX. Zusammenfassung und Programm

Angesichts dieser wachsenden Welle von Opposition, die noch nach Kohärenz sucht, und aus Angst, durch eine ungeschickte direkte Konfrontation und Repression eine weitere Eskalation zu provozieren, hat das Kapital in letzter Zeit die Strategie und Taktik der italienischen Kapitalisten gegen die Fabrikbesetzungen von 1920 wiederentdeckt: Arme verschränken und warten. Wie in Argentinien 2002, in Oaxaca 2006 oder in kleinerem Maßstab bei der 77 Tage dauernden Besetzung der Ssangyong Autofabrik in Südkorea 2009 ist die Botschaft der Kapitalisten und des Staates an die Aufständischen: »Ok, ihr habt die Fabrik, die Stadt, das Land übernommen. Seid ihr auch in der Lage, sie zu betreiben?« (Man fühlt sich an ein ähnliches Treffen im Januar 1919 zwischen dem britischen Premierminister Lloyd George mit den Führern des Britischen Gewerkschaftsbundes (TUC) erinnert, auch wenn letzterer nie die Absicht hatte, irgendwas zu übernehmen.)

Falls es die aufständische Bewegung nicht schafft, dieser Herausforderung gerecht zu werden, werden sich die Gemüter erhitzen, wird die Geduld schwinden, werden die Profi-Linken die Mikrofone übernehmen, werden die Leute von den endlosen Treffen, wie demokratisch sie auch sein mögen, ermüden und die Bewegung kollabiert. (Diese ganzen Verschiebungen werden unterstützt durch die Intensität an Repression, die der Staat für politisch durchsetzbar hält, während er auf den Moment wartet, in dem er massiv zurückschlagen kann.)

Bei den Beispielen aus der letzten Zeit war im Unterschied zu Italien 1920 nach der Niederlage kein massives Blutvergießen nötig (was aber nicht heißt, dass tödliche Repression nicht selektiv eingesetzt worden wäre).

Der eigentliche Punkt ist, dass die Bewegungen ohne eine »programmatisch bewaffnete« militante Schicht, die sich nicht im Vorfeld der entscheidenden Machtprobe spontan mit dem Gegner zusammentut, und ohne konkrete Vorstellung eines »anderen gesellschaftlichen Projekts« (um eine bestimmte Sprache zu benutzen), dahin schmilzt, oft mit relativ wenigen abgefeuerten Schüssen. (Damit soll nicht die oft wichtige und kreative Rolle der »Spontaneität«[12] in der frühen, aufsteigenden Phase einer Bewegung bestritten werden, in der sie von Erfolg zu Erfolg zu stürmen scheint.)

Das Fehlen einer von vielen geteilten Alternative zur Herrschaft der Eliten – ob durch die Bourgeoisie oder durch linke Kader, die bereit sind, auf nicht enden wollenden Treffen jeden zu überdauern, um dann um zwei Uhr nachts ihre Agenda durchzustimmen – war immer die Grundlage der Klassengesellschaft, ob diese nun »reaktionär« oder »progressiv« ist. Passivität, ob freiwillig oder erzeugt, ist immer das Dienstmädchen der »Bürokratie«. Das beste Mittel gegen solche Niederlagen ist unserer Meinung nach die größtmögliche Verbreitung der konkreten programmatischen Aspekte eines anderen »sozialen Projekts« und das (praktische) Austesten solchen Wissens auf dem Weg zur Arbeitermacht. Unser Ziel ist es, der Arbeiterklasse zu helfen, die führende Klasse im Prozess der Aufhebung aller Klassen zu werden.

Zusammenfassend:

1. Das Kapital hat seit der Rebellion durch wilde Streiks in den 1960er und 1970er Jahren (mit Ausläufern an Orten wie Polen, Brasilien und Korea) die quasi-bewusste Gegenstrategie verfolgt, die Zentren der proletarischen Konzentration aufzubrechen und so weitgehend wie möglich neue atomisierte, prekarisierte und zerstreute LohnarbeiterInnen zu schaffen, die sich an Einverdienerfamilien, langfristige Jobsicherheit, Sozialleistungen, sichere Wohnsituation, Bildung und »Hoffnungen« für die nächste Generation (wie bürgerlich auch immer) nicht einmal mehr erinnern.

2. Das ist eng mit der Finanzialisierung des Kapitalismus verbunden, bei der es sich nicht um »normale« Kapitalakkumulation handelt. Sie zerstört die materielle Basis der gesellschaftlichen Reproduktion, sowohl bezüglich der Arbeitskraft als auch der Produktionsmittel, Infrastruktur und Natur eingeschlossen.

3. Diese Entwicklung drückt die Tatsache aus, dass der Wert im marxschen Sinne schon in der Krise der 1960er/70er Jahre überholt war, und dass sich das Kapital weltweit massiv zurückentwickeln muss, um wieder eine adäquate Profitrate zu erreichen. Nicht durch Umstrukturierungen, Fusionen und Übernahmen, bei denen Schulden in Anteile verwandelt werden, sondern durch reale Produktion und Reproduktion.

4. Die programmatische Frage kann offensichtlich nicht die nach einem Wiederaufbau der Fabriken der Massenproduktion sein. Niemand vermisst die Fließbänder und die automobilzentrierte Produktion. Der Konsum hat genug »gesellschaftlichen« Raum verwüstet. Es wurde schon oft genug darauf hingewiesen, dass trotz der Kreativität der Welle wilder Streiks in den 1960er und 1970er Jahren die meisten Linken (mich eingeschlossen) die FabrikarbeiterInnen als ArbeiterInnen theoretisiert haben, und nicht als führende Kraft im Streben, die Logik der Fabrikarbeit zu zerbrechen, um die in den Grundrissen zitierte »Individualität, die ebenso allseitig in ihrer Produktion wie in ihrer Konsumtion ist« zu erreichen, also den Kommunismus. Auch wenn wir anerkennen, dass die Massenproduktion etwas einem Klassenbewusstsein und kollektiven Handeln sehr viel Näheres hervorgebracht zu haben scheint, können wir auch erkennen, dass das Zerbrechen des alten »Sozialpakts« der Nachkriegszeit auch den Konservatismus zerbrochen hat, der in der Bindung an einen Job, eine Hypothek usw. enthalten war. Dieser wird ebenso viel Solidarität in einer Fabrik oder einer Industrie verhindert haben, wie er ermöglicht hat. Die Veränderungen haben in einigen Ländern, wie Frankreich und Italien, Bewegungen von proletarischen Jugendlichen hervorgebracht, die die Stabilität der Elterngeneration nie erleben werden. Sie nutzen ihre prekäre Mobilität als Mittel, Netzwerke von »flying pickets« aufzubauen, die in der gesamten Stadt und nicht nur in einer Fabrik oder Industrie verankert sind.

5. Aus einer »hegelianisch-marxistischen« Perspektive, also einer realistischen Perspektive, ist die Realität der Weltarbeiterklasse (Gesamtarbeiter) ihr derzeit vorhandenes Potential, eine Gesellschaft jenseits der Wertproduktion zu schaffen.Das ist die Realität, gegen die das Kapital seit den 1960er/70er Jahren kämpft, eigentlich sogar schon seit dem frühen 20. Jahrhundert. Sie bestimmt den wahren Rahmen der heutigen Kämpfe. Ein von Stiglitz-Sachs&Co inspirierter globaler Keynesianismus, der auf den neuen sozialen Bewegungen aufsetzt, wäre exakt die aktuelle Version der keynesianischen Reorganisation des Kapitalismus, die aus der Übergangskrise von 1914-1945 entstand.

6. Unsere Aufgabe muss es sein, die volle Bedeutung der positiven Kraft herauszuarbeiten, die hinter der Orientierungslosigkeit von heute liegt. Wir müssen außerdem versuchen zu zeigen, wo dieses Potential in den heutigen Kämpfen in kleinsten Dosen zum Vorschein kommt. Zum Beispiel fahren die Jugendlichen aus den Pariser Vorstädten routinemäßig ohne Fahrschein mit den Zügen und konfrontieren das Zugpersonal physisch, das die Fahrkarten kontrollieren muss. Eine Kampagne für kostenlosen öffentlichen Nahverkehr könnte solche Elemente verbinden und das Zugpersonal von einem wichtigen Teil seiner »Polizeifunktion« befreien. Dasselbe könnte auch für viele Gebühreneintreiber im täglichen Leben gesagt werden, um nur ein Beispiel zu nennen, wo das Proletariat gegen das Subproletariat eingesetzt wird.

Zum Abschluss folgt ein Programm für die »ersten 100 Tage« einer erfolgreichen proletarischen Revolution in den wichtigsten Ländern und hoffentlich danach in kurzem Zeitabstand auf der ganzen Welt. Es soll das Potential eines raschen Abbaus der »Wertproduktion« im marxschen Sinne zeigen. Es handelt sich natürlich nur um einen Versuch, der für Kritik und Diskussion offen ist:

1. Programm für Technologieexport, um die Dritte Welt nach oben anzugleichen.

2. Einführung eines weltweiten Mindesteinkommens.

3. Abbau des Öl-Auto-Stahl Komplexes, Verschiebung zu Massentransport und Zügen.

4. Abschaffung des aufgeblasenen Sektors von Militär, Polizei, staatlicher und privatwirtschaftlicher Bürokratie, Gefängnissen, Finanz-, Versicherungs-, und Immobiliensektor, Sicherheitsdiensten, Geheimdiensten, Bankangestellten und Gebühreneintreibern

5. Verwendung der so freigesetzten Arbeitskraft, um die Wochenarbeitzeit radikal zu kürzen

6. Notfallpläne, die auf alternativer Energie beruhen: (langfristig und falls möglich) Kernfusion, Solar- und Windenergie usw.

7. Möglichst breite Anwendung des Prinzips »Mehr ist Weniger« (z.B. Satellitentelefone statt Festnetzkabel in der dritten Welt, günstige CD Player statt teurer Stereoanlagen, etc.)

8. Ein konkretes, weltweites Landwirtschaftsprogramm, dass darauf abzielt, die Lebensmittelressourcen Nordamerikas, Europas und der Dritten Welt zu nutzen.

9. Integration der industriellen und landwirtschaftlichen Produktion und Aufbrechen der megalopolitanen Zentren. Das impliziert die Abschaffung von Vor- und Schlafstädten und eine Veränderung der Städte selbst. Die Auswirkungen dieser Maßnahmen auf den Energieverbrauch sind enorm.

10. Automatisierung aller Strapazen, die automatisierbar sind.

11. Verallgemeinerung des Zugangs zu Computern und Bildung für eine vollständige globale und regionale Planung durch die assoziierten Produzenten.

12. Kostenlose Gesundheitsversorgung

13. Integration von Bildung in Produktion und Reproduktion.

14. Einsatz von Forschung und Entwicklung, die aktuell auf den unproduktiven Sektor ausgerichtet sind, in produktiven Bereichen.

15. Die starke Zunahmen der Arbeitsproduktivität wird es ermöglichen, so schnell es geht so viele Grundgüter wie möglich kostenlos zu machen, und so alle ArbeiterInnen davon befreien, dafür Geld zu sammeln und auszugeben.

16. Eine globale Verkürzung der Arbeitswoche.

17. Zentralisierung von allem, was zentralisiert werden muss (z.B. die Nutzung von Rohstoffen) und Dezentralisierung von allem, was dezentralisiert werden kann (z.B. die Kontrolle des Arbeitsprozesses innerhalb eines allgemeinen Rahmens)

18. Maßnahmen für die Atmosphäre, vor allem ein Ausstieg aus der Nutzung fossiler Energieträger (s. Punkte 3 und 6)

Noch einmal, zu diesem Zeitpunkt sind solche programmatischen Punkte nur Vorschläge und absolut offen für die Debatte. Sie sind nicht auf die »Form der Organisierung« fokussiert, sondern auf den Gehalt einer Welt nach dem Wert, in der »die Entwicklung aller menschlichen Kräfte… zum Selbstzweck« [13] wird.

Anmerkungen

Notes

[1] Obwohl wir uns nicht in einer bolschewistischen Tradition verorten (die ernsthaft nur durch die gegenwärtigen Überreste des Trotzkismus fortgesetzt wird, nicht durch Stalinismus und Maoismus) tun wir Lenin und Trotzki nicht wie viele libertäre KommunistInnen pauschal ab. Lenins unnachgiebige internationalistische Haltung im Jahr 1914 und seine Thesen vom April 1917 waren, wir Trotzkis fast einzigartige Anwendung der Theorie der permanenten Revolution auf Russland, lange vor 1917, revolutionäre Momente. Was wir am Leninismus und Trotzkismus zurückweisen, würde jetzt zu weit führen, aber die Fetischisierung von Organisation und »Führung« (im Fall des Trotzkismus) sind die offenkundigen Ansatzpunkte unserer Kritik.

 

[2] Mit »Wertstandard« meinen wir den verallgemeinerten »gemeinsamen Nenner« oder die »Werteinheit«, die auf einer neuen, höheren Produktivität der Arbeit beruht und durch Krise und Bereinigung für die nächste Phase der Akkumulation erreicht wird. Der Nachkriegsboom 1945-75 zum Beispiel beruhte auf den vorangegangenen dreißig Jahren der Zerstörung von Menschen und Fabriken, aber auch auf der neuen Massenproduktion (z.B. des Autos), die in der Phase vor 1945 eingeführt worden war. Sie beruhte auch auf der starken Ausweitung des Weltmarkts durch die Zerstörung der britischen und französischen Kolonialreiche und der Festlegung des Bürgertums in den einzelnen europäischen Ländern auf den Dollarstandard. Mit dem alten Wertstandard, der durch die lange Bereinigung von 1873-96 erzielt worden war und den Boom vor dem Ersten Weltkrieg ermöglicht hatte, war er so wenig vergleichbar wie Äpfel mit Birnen.

[3] ist die Seitenangabe aus den Grundrissen, steht schon im Text

[4] Tom Franks Darstellung zeigt trotz ihrer mitschwingenden Nostalgie für den Etatismus des New Deal anschaulich, wie die »revolutionären« Anmaßungen der »New Economy« der 1980er und 90er weite Teile der Gegenkultur der Neuen Linken und der Hippies der sechziger Jahre übernahm.

[5] Die Kooperative Mondragon in Spanien (die es irgendwie schaffte, während der Franco-Diktatur problemlos weiter zu funktionieren) ist ein besonders beliebtes Beispiel für einen egalitären Kapitalismus einiger AktivistInnen der neuen sozialen Bewegungen (wir stimmen mit ihnen überein, dass es sich um Kapitalismus handelt).

[6] Patrick Bond, Paper für die Konferenz »Sozialismus für das 21. Jahrhundert«, Jinju, Südkorea, Mai 2007. Wir zitieren diese konfusen Formulierungen nur als Beispiele und wissen um Bonds tiefe und ernsthafte Beteiligung an sozialen Kämpfen in Südafrika.

[7] In seiner frühen, dynamischen Phase in den 1980ern unterschied sich die Brasilianische Arbeiterpartei (PT) von der völlig erstarrten Brasilianischen Kommunistischen Partei (PCB) dadurch, dass sich der PCB frühere BasisaktivistInnen anschlossen und dann in Gewerkschaften usw. eingebunden wurden, während die PT aus AktivistInnen der verschiedenen sozialen Bewegungen bestand.

[8] Holloways Buch »Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen« sowie seine fröhliche und sogar unerbittliche Weigerung, irgendetwas über ein Programm für »den nächsten Schritt« zu sagen, wurde 2001/02 in Argentinien getestet, wo es sehr beliebt war. Es fiel durch.

[9] Vergl. Internationalist Persectives, Ausgaben 51-52 und 53.

[10] 2008 wurde ein italienischer Firmenchef in einem Vorort von Neu Delhi zu Tode geschlagen als er versuchte, die Arbeitskraft zu reduzieren.

[11] Auch wenn das dreißig Jahre her ist, sollte man nicht die Arbeiterräte übersehen, die von Ölarbeitern 1980-81 während der iranischen Revolution aufgebaut wurden, und die unterdrückt und abgeschafft wurden, als die Islamisten ihre Macht konsolidiert hatten.

[12] C.L.R. James weist in seinem Beitrag zur scheinbar plötzlichen Übernahme Ungarns durch ein landesweites System von Arbeiterräten 1956 darauf hin, dass entgegen jeder spontaneistischen Interpretation die Fähigkeit der ungarischen Arbeiter, dies zu tun, aller Wahrscheinlichkeit nach auf Jahre der Erfahrung mit der bürokratischen stalinistischen Reglementierung und Diskussionen in der Fabrik über deren Konsequenzen und Abhilfe zurückgeht.